Die Gottesanbeterin
Tierportrait
Entsprechend des Gattungsnamens Mantis werden die Tiere auch Mantiden genannt. Die Gottesanbeterin gehört zu den Fangschrecken und verdankt ihren Namen den oft abgewinkelt erhobenen Fangarmen, die tatsächlich an eine Geste des Betens erinnern. Dabei hat eine Gottesanbeterin in dieser Haltung nichts Frommes im Sinn, sondern lauert bewegungslos auf Beute.
Diese Stellung können die Tiere stundenlang durchhalten. Kommt schließlich ein Käfer, eine Heuschrecke oder eine Biene in die Nähe, schnellen die mit Stacheln besetzten, kräftigen Fangarme blitzschnell nach vorne und packen das Opfer, welches zügig verspeist wird. Mit Beinen und Flügeln, Haut und Haaren.

Kein Kostverächter
Neben Fluginsekten und Spinnen fressen Gottesanbeterinnen gelegentlich sogar Frösche, Eidechsen, kleine Schlangen, Mäuse und sogar Vögel. Dieses Phänomen haben Forscher in 13 Ländern auf fast allen Kontinenten festgestellt. Bislang wurden 24 unterschiedliche Vogelarten in den Fängen der Raubinsekten dokumentiert, wobei der Kolibri zahlenmäßig am häufigsten gefangen wird. In den USA lauern Gottesanbeterinnen den Vögeln meist an Zuckerwasser-Schalen auf, die in Hausgärten aufgehängt werden. Aufgrund der Häufigkeit der Beobachtungen befürchten bereits einige Wissenschaftler, dass der Bestand bestimmter Kolibri-Arten durch Gottesanbeterinnen besorgniserregend dezimiert werden könnte.
Bei größeren Beutetieren konzentriert sich die Fangschrecke auf den Kopf. Hat sie diesen fest im Griff, beginnt sie zu fressen. Zuerst das Gehirn, dann den Rest. Sie hält sich nicht mit dem Töten der Beute auf, so dass die meisten Opfer noch lange zucken und zappeln.

Vorkommen
Wir kennen weltweit über 2.400 Arten von Gottesanbeterinnen, die sehr unterschiedlich aussehen können und größtenteils in warmen Regionen zu Hause sind. In Europa kommt nur eine Art, die Europäische Gottesanbeterin, vor. Und auch sie stammt ursprünglich aus Afrika, hat sich jedoch im Laufe der Zeit immer weiter nach Norden ausgebreitet und fühlt sich aufgrund der durch den Klimawandel bedingten höheren Temperaturen zunehmend auch in Deutschland wohl. Zu Beginn der 1990er Jahre wurden erste Exemplare in Süddeutschland gesichtet. Mittlerweile gibt es regelmäßige Vorkommen bis hoch nach Berlin und Brandenburg, wobei die Insekten trockenwarme Lebensräume wie Weinberge, Magerrasen oder ehemalige Steinbrüche bevorzugen.

Tödlicher Sex
Die Dominanz der Weibchen zeigt sich schon im Namen. Immer ist nur von der Gottesanbeterin die Rede. Vom Gottesanbeter spricht niemand. So ist es nicht verwunderlich, dass die wesentlich größeren Damen die Angewohnheit haben, die Herren der Schöpfung nach dem Geschlechtsakt zu verspeisen. Falls sie gerade hungrig sind – aber das sind sie meistens. Allerdings lohnt sich die unfreiwillige männliche Aufopferung. Denn Gottesanbeterinnen, die durch das AprèsSex-Mahl gestärkt sind, legen wesentlich mehr Eier als diejenigen, die ihre Gatten unversehrt gehen lassen. Außerdem würden die Männchen sowie- © Wikilmages, Pixabay so einige Zeit nach dem Geschlechtsakt sterben, während die Weibchen zumindest in Gefangenschaft bis zu 11 Monate leben.
Lebenszyklus
Eine weibliche Europäische Gottesanbeterin legt im Herbst etwa 200 Eier in ein Nest aus einer erhärtenden Schaummasse, die sie in speziellen Drüsen produziert. Dann stirbt das Insekt. Im Frühjahr schlüpfen aus dem Nest, der sogenannten Oothek, die Larven. Diese noch flügellosen Nymphen leben bereits räuberisch und ernähren sich vorrangig von kleinen Fluginsekten. Sie häuten sich in der Wachstumsphase mehrfach und sind schließlich zwischen Juli und August ausgewachsen, beflügelt und geschlechtsreif.

Verwechslungsgefahr
Manche Gottesanbeterinnen (Mantiden)- Arten sehen im ersten Augenblick aus wie Gespenstschrecken (Phasmiden)- Arten. Aus Gründen der Tarnung ähneln sie Blättern oder Zweigen. Gottesanbeterinnen und Gespenstschrecken gehören nicht nur unterschiedlichen Ordnungen an, sondern sind auch grundverschieden. Charakteristisch und einzigartig sind bei Gottesanbeterinnen die zu langen Fangarmen umgewandelten Vorderbeine und der dreieckige, um unglaubliche 180 Grad drehbare Kopf mit den großen Facettenaugen. Außerdem leben Mantiden räuberisch und fressen Fleisch, während Gespenstschrecken eine ganz friedliche, rein vegetarische Ernährung praktizieren. Hinzu kommt, dass die natürlichen Vorkommen von Gespenstschrecken in tropischen und subtropischen Ländern liegen und sie hierzulande nur in Terrarien anzutreffen sind.
Wie soll ich mich verhalten?
Wenn Sie eine Gottesanbeterin sehen, freuen Sie sich über den Anblick dieses weder giftigen noch gefährlichen Insektes. Bitte fangen Sie das Tier nicht ein, außer es ist in Gefahr, weil es zum Beispiel auf der Straße sitzt. Gottesanbeterinnen werden bei uns auf der Roten Liste der bedrohten Arten als „gefährdet“ geführt und sind nach Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Man darf sie also auch nicht mit nach Hause nehmen und in einem Terrarium halten!

Schön wäre außerdem, wenn Sie die Sichtung dem lokalen Landesamt für Natur- und Umweltschutz melden würden. Inzwischen stellt fast jedes Bundesland ein entsprechendes Online-Formular zur Verfügung. Durch die Meldung helfen Sie mit, die Ausbreitung und Populationsentwicklung der Gottesanbeterinnen in Deutschland besser zu verfolgen.
Gottesanbeterinnen mögen uns
Wenn wir im Sommer unsere Infostände im Freien aufbauen, haben wir in den letzten Jahren auch immer wieder Kontakt zu Gottesanbeterinnen gehabt. Meist werden sie uns von Menschen an den Stand gebracht, die sie für ausgesetzte Terrarientiere halten. Wir klären das Missverständnis dann auf und lassen die Insekten schnell wieder frei.

Im August letzten Jahres staunten die Mitarbeiter nicht schlecht, als sie ein etwa 8 cm großes Weibchen beim Aufspannen des Sonnenschirms in der Potsdamer Innenstadt entdeckten. Die Fangschrecke hatte sich dort versteckt und die Nacht verbracht.
Gottesanbeterinnen scheinen Tierschützer zu mögen. Vielleicht liegt es ja an der grünen Farbe.

