Fische – die vergessenen Opfer
Erstickt in Stille
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass sie Schmerzen empfinden, lernen, sich erinnern und sozial interagieren. Dennoch endet ihr Leben meist unter Bedingungen, die mit modernem Tierschutz kaum vereinbar sind. Jedes Jahr werden weltweit Milliarden Fische gefangen. Die meisten von ihnen sterben langsam – nicht durch einen schnellen Schnitt, sondern durch Ersticken an Bord der Fangschiffe. Sie werden in Netzen zusammengepresst, minuten- bis stundenlang an der Wasseroberfläche gehalten und anschließend luft- oder eisgekühlt „ausbluten“ gelassen.

Obwohl bei anderen Tierarten eine Betäubung vorgeschrieben ist, existiert für wildgefangene Fische keine gesetzliche Pflicht zur schmerzfreien Tötung. Selbst Verfahren, die das Leiden deutlich verringern würden, kommen bislang nur selten zum Einsatz. Auch die Aquakultur, die häufig als tierfreundlichere Alternative dargestellt wird, birgt erhebliche Belastungen für die Tiere. In vielen Anlagen leben Fische dicht an dicht in Becken oder Netzgehegen, was Stress, Verletzungen und Krankheiten begünstigt. Unter diesen Bedingungen breiten sich Parasiten wie z. B. die Lachslaus schnell aus. In manchen Betrieben führt sie zu deformierten Körpern oder offenen Wunden. Medikamente sollen Infektionen eindämmen, doch auch sie belasten die Tiere und die Gewässer. Einige Arten zeigen in überfüllten Becken sogar Kannibalismus. Dies ist ein Zeichen schwerer Überforderung. Besonders drastisch ist das Schicksal von Krebstieren. Hummer, Krabben und Langusten werden vielerorts lebendig gekocht, weil das Fleisch dann als „frischer“ gilt. Obwohl Hinweise auf ihr Schmerzempfinden seit Jahren bekannt sind, erlaubt die Gesetzgebung diese Praxis oft noch. In manchen Ländern gibt es erste Vorgaben zur Betäubung, doch sie bleiben Ausnahmen.
Für viele Verbraucher gilt Fisch noch immer als leichtes, gesundes und unproblematisches Lebensmittel.
Doch dieser Eindruck hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Rund ein Drittel der weltweiten Fischbestände gilt inzwischen als überfischt oder bis an die Belastungsgrenze genutzt. Gleichzeitig stammt ein wachsender Anteil der angebotenen Fische aus Aquakulturen, die häufig mit hohen Besatzdichten, Stress, Krankheiten und Medikamenteneinsatz verbunden sind. Hinzu kommt ein gesundheitlicher Aspekt: Besonders Raubfische wie Lachs oder Thunfisch sind häufig mit Schwermetallen belastet, vor allem mit Quecksilber. Gesundheitsbehörden empfehlen daher, diese Fischarten nur selten zu verzehren – insbesondere für Schwangere und Kinder. Diese Empfehlung wirft die grundsätzliche Frage auf, ob ein Lebensmittel, das nur in begrenzten Mengen als unbedenklich gilt, überhaupt noch Teil einer verantwortungsvollen Ernährung sein sollte.

Fische und andere Wasserlebewesen stehen im Schatten der Tierschutzdebatte, obwohl die Wissenschaft inzwischen ein deutlich anderes Bild zeichnet. Studien zeigen, dass Fische über komplexe Nervensysteme verfügen, emotionale Zustände erleben und Erlerntes
Sie kommunizieren lautlos über Farben, Bewegungen oder chemische Signale und reagieren sensibel auf Stress. Diese Erkenntnisse stellen hergebrachte Vorstellungen infrage und machen deutlich, dass ihre Behandlung dringend überdacht werden muss. Der Schutz von Fischen beginnt damit, ihr Leben als bedeutsam anzuerkennen. Verbraucher können kritische Fragen stellen, alternative Produkte wählen oder sich über Fangmethoden informieren. Auch politische Schritte sind wichtig: Die Einführung verbindlicher Betäubungspflichten und klarer Tierschutzstandards in Aquakulturen wäre ein entscheidender Fortschritt. Wissenschaft und Tierschutzorganisationen drängen seit Jahren auf solche Maßnahmen – nicht zuletzt, weil die Nachfrage nach Fisch weiter steigt und damit auch das Leid der Tiere zunimmt. Fische mögen leise sein, doch ihr Schweigen darf nicht mit Schmerzfreiheit verwechselt werden. Ihr Überleben und ihr Wohl liegen nicht in spektakulären Bildern, sondern in unserem Bewusstsein für das, was unter der Wasseroberfläche geschieht. Wenn wir beginnen, Fische als fühlende Wesen ernst zu nehmen, können wir die Weichen für einen verantwortungsvolleren Umgang mit ihnen stellen und ihnen endlich die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen.

Kurz und knapp
Überfischung der Meere:
Etwa ein Drittel der weltweiten Fischbestände gilt als übernutzt oder bereits kollabiert. Moderne Fangmethoden entnehmen in kurzer Zeit enorme Mengen aus sensiblen Ökosystemen. Viele Arten können sich unter diesen Bedingungen nicht mehr ausreichend erholen.
Schadstoffe und Quecksilber:
Raubfische wie Thunfisch und Lachs reichern über die Nahrungskette Schwermetalle an. Quecksilber steht im Verdacht, das Nervensystem zu schädigen und ist besonders für ungeborene Kinder riskant. Deshalb raten Behörden zu einem stark eingeschränkten Konsum.
Aquakultur ist keine tierfreundliche Lösung:
Fischzuchten werden oft als nachhaltige Alternative dargestellt. In der Praxis leiden viele Tiere jedoch unter Enge, Parasitenbefall, Verletzungen und Stress. Hohe Sterblichkeitsraten sind in zahlreichen Anlagen keine Ausnahme.
Nachhaltigkeitssiegel kritisch betrachten:
Siegel wie MSC oder ASC vermitteln Verbrauchern ein Gefühl von Sicherheit. Doch sie garantieren weder eine schmerzfreie Tötung noch konsequenten Schutz der Tiere. Zentrale Probleme wie Erstickung oder Tierleid bleiben bestehen.
Konsequente Alternative:
Pflanzliche Alternativen vermeiden Tierleid vollständig und entlasten Meere und Ökosysteme. Sie umgehen zugleich gesundheitliche Risiken durch Schadstoffe. Eine bewusste Entscheidung gegen Fisch ist daher sowohl ethisch als auch ökologisch konsequent.
Die Welternährungsorganisation FAO hat ihren aktuellen Bericht zur Lage der weltweiten Fischerei und Aquakultur veröffentlicht („The State of World Fisheries and Aquaculture 2024“). Darin zeigt sie, wie sich die Fischbestände entwickeln, welche Fortschritte es bei der nachhaltigen Bewirtschaftung gibt und welche Herausforderungen weiterhin bestehen. Der Deutsche Fischerei-Verband weist auf die wichtigsten Ergebnisse hin.
Weltweiter Fischkonsum steigt rasant
Der Verbrauch von Fisch und Meeresfrüchten nimmt seit Jahrzehnten stark zu – deutlich schneller als die Weltbevölkerung. Seit 1961 hat sich der globale Pro-Kopf-Verbrauch mehr als verdoppelt: von 9,1 kg auf 20,7 kg im Jahr 2022. Insgesamt wurden 2021 weltweit 162,5 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte konsumiert.
Nachhaltige Bestände: Lage besser als oft angenommen
Laut FAO werden 62,3 % der weltweiten Fischbestände nachhaltig bewirtschaftet. Aus diesen Beständen stammen fast 77 % der weltweit angelandeten Fische. Besonders positiv schneidet der Nordost-Atlantik ab, zu dem auch Nord- und Ostsee gehören: Hier gelten 79,4 % der Bestände als nachhaltig genutzt – ein Spitzenwert im globalen Vergleich.
Aquakultur überholt Wildfang
Erstmals hat die Aquakultur mehr Fisch produziert als die weltweite Fischerei aus Wildfang. 2022 wurden 92,3 Millionen Tonnen wild gefangen, während die Aquakultur 94,4 Millionen Tonnen erzeugte. Während die globale Aquakultur weiter wächst, stagniert sie in Europa jedoch auf niedrigem Niveau und zeigt teilweise sogar rückläufige Tendenzen.
Fische im Turbo-Modus
Schnell wachsende Speisefische sind unter anderem Tilapia, Pangasius, Karpfen, Dorado (Mahi-Mahi) und Regenbogenforellen, die – abhängig von Art und Haltungsbedingungen – beachtliche Zuwachsraten erzielen. In der Aquakultur zählen vor allem Tilapia, der Afrikanische Raubwels und Pangasius zu den besonders wachstumsstarken Arten, während Dorado im offenen Ozean wöchentlich enorme Größenzuwächse erreicht. So erreicht ein Dorado bereits im Alter von vier bis fünf Monaten eine hohe Fortpflanzungsrate und kann alle zwei bis drei Tage ablaichen. Ein Weibchen setzt dabei im Durchschnitt rund 50.000 Eier pro Laichvorgang ab. Das Wachstum ist außergewöhnlich schnell: Pro Woche legt der Fisch schätzungsweise 0,5 bis 1 Zoll an Länge zu und kann monatlich zwei bis drei Pfund an Gewicht gewinnen. Karpfen und Forellen wiederum lassen sich durch gezielte Fütterung rasch auf Portionsgröße heranziehen.


Der Pangasius (Pangasianodon hypophthalmus) ist ein Süßwasserfisch aus der Familie der Haibzw. Schlankwelse und kommt in den Flusssystemen von Mekong und Chao Phraya in Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha vor. Neben der traditionellen Fischerei wird er in Südostasien zunehmend in Aquakulturen produziert und weltweit vermarktet. Mit einer Jahresproduktion von über einer Million Tonnen zählt er zu den wichtigsten Exportfischen, besonders für Europa, wo er wegen seines milden Geschmacks und seines günstigen Preises sehr gefragt ist.

Der Mahi-Mahi, auch bekannt als Gemeiner Goldmakrele, Dolphinfish oder Dorado (Coryphaena hippurus), ist ein oberflächenorientierter Knochenfisch, der in gemäßigten, tropischen und subtropischen Meeresgebieten weltweit vorkommt. Die Bezeichnung „Dorado“ ist weit verbreitet, darf jedoch nicht mit Salminus brasiliensis verwechselt werden, einem gleichnamigen Süßwasserfisch aus Südamerika.
