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Tatort Schlachthof
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Tatort Schlachthof

Qualvoller Tod

Über 400 Menschen haben vor dem Schlachthof in Oldenburg Ende letzten Jahres demonstriert. Die Forderung ist eindeutig: den Schlachthof zu schließen (derzeit ist er stillgelegt). © Jan Peifer
Es ist kein Geheimnis, dass in Schlachthäusern Millionen Tiere ihr Ende finden, dass viel Blut fließt und die Bedingungen haarsträubend sind. Schon der Name versteckt das nicht. Rund 750 Millionen Nutztiere starben 2017 in deutschen Schlachthöfen, in der ersten Jahreshälfte 2018 waren es geringfügig weniger als im Vorjahr. Wie in vielen Agrarsegmenten und auch der Industrie insgesamt konzentriert sich das große Geschäft mit den Schlachttieren auf weniger, dafür umso größere Betriebe. So sterben etwa 80 % aller Mastschweine in den 10 größten Schlachthöfen Deutschlands, fast 30 % werden allein in den Hallen des Marktführers geschlachtet, der hier Europas größten Schlachthof betreibt.
Ein Bericht von Jan Peifer

Meist gut abgeschirmt hinter hohen Mauern und Zäunen sterben Schweine, Rinder, Hühner, Gänse und Enten sowie viele Tiere mehr im Sekundentakt. Geschlachtet wird im Akkord. Schon lange berichten Augenzeugen wie etwa Tierärzte in der Ausbildung auf Durchgangsstation von schlimmen Missständen in den Schlachthäusern, die von Leid und Schmerz zeugen. Doch was Tierschützer in jüngster Vergangenheit in Schlachthöfen in Niedersachsen aufdecken konnten, ist ein beispielloser Skandal: Wochenlang hatten Aktivisten einen der größten deutschen Rinderschlachthöfe in Oldenburg observiert, den Betrieb dokumentiert und u.a. mit versteckten Kameras mehr als 600 Stunden Videomaterial erstellt, die nach und nach ausgewertet und veröffentlicht wurden. Auf diesen Videos ist zu sehen, wie brutal und rücksichtslos Arbeiter mit Schlachttieren umgehen.

Etwa 50 % der Tiere werden mit jeweils bis zu 28 Elektroschocks gequält, völlig grund- und erbarmungslos geschlagen und getreten. Deutlich zu sehen ist, dass Tiere nicht oder nur unzureichend betäubt werden und bei vollem Bewusstsein abgestochen werden. Das schlimmste aber war: Eindeutig zu erkennen sind Mitarbeiter des Veterinäramts. Tierärzte, deren Aufgabe die Kontrolle der Vorgänge im Schlachthof ist. Ihnen obliegt es, dafür zu sorgen, dass den Tieren jeder unnötige Schmerz und Stress erspart wird. Doch in diesem Schlachthof kommen sie ihrer Aufgabe nicht nach. Nachweislich dulden sie die Misshandlungen nicht nur, sie beteiligen sich auch direkt an ihnen!

Rund 750 Millionen Nutztiere starben 2017 in deutschen Schlachthöfen.

Mit solchen E-Schockern wurden die Tiere in den Schlachthof getrieben. Der Einsatz ist zwar erlaubt, allerdings nur als letztes Mittel und nur vereinzelt. © DeutschesTierschutzbüro e.V.
Tierschützer stellen ein Schauspiel nach, um damit aufzuzeigen, unter welchen grausamen Bedingungen Tiere im Schlachthof sterben müssen. © Jan Peifer
© Jan Peifer

Massive Verstöße waren schon lange bekannt. Dennoch unternahm das Veterinäramt nichts.

Unverzüglich hatten die Tierschützer Anzeige gegen die Betreiber des Schlachthofs sowie das zuständige Veterinäramt Oldenburg erstattet. Dieses hatte, wie sich in einer Sitzung des Oldenburger Stadtrates herausstellte, schon lange von den Missständen gewusst. Mindestens seit dem Jahr 2007 hatte es vermehrt anonyme Hinweise auf die mangelhafte oder fehlende Betäubung der Tiere vor dem Schlachten erhalten. Darüber hinaus hatte der Betreiber des Schlachthofes wohl wegen baulicher, hygienischer und tierschutzrechtlicher Defizite in den vergangenen Jahren Ordnungsgelder in Höhe von über 40.000 Euro zahlen müssen. Zusätzlich waren alleine im Jahr 2018 bei vier teils monatlichen Kontrollen massive Verstöße festgestellt worden, die ein Einschreiten der Ordnungsbehörde erfordert hätten. Doch obwohl das Veterinäramt über die Zustände in dem Schlachtbetrieb offenbar gut informiert war, waren keine nennenswerten rechtlichen Schritte eingeleitet worden. Die Medien berichteten umfangreich über den Skandal, viele Vertriebspartner (darunter große Konzerne wie Aldi Nord und Süd, Lidl, Edeka, Frosta, IKEA und viele mehr) stellten die Handelsbeziehungen ein, der Betrieb wurde mittlerweile stillgelegt.

Auch die Politik reagierte, es wurde die Forderung nach einer Videoüberwachung für Schlachthöfe laut, die für die Eindämmung solch schwerer Verstöße sorgen soll. Doch fast zeitgleich wurden Bilder aus einem weiteren Schlachtbetrieb, ebenfalls in Niedersachsen, veröffentlicht. Hier werden jährlich rund 500.000 Schweine geschlachtet. Auch dieser Betrieb ist Bio-zertifiziert, wie der Oldenburger Schlachthof, doch verfügt er bereits über eine Videoüberwachung. Offenbar ist diese aber nutzlos, denn auch in diesem Schlachthof dokumentierten Aktivisten mit versteckten Kameras über Tage hinweg schreckliche Missstände. Der Elektroschocker kam hier noch viel häufiger zum Einsatz, bis zu 40 Mal hintereinander. Auch hier wurden zahlreiche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Schlachtverordnung festgehalten, die sowohl bei der zuständigen Staatsanwaltschaft als auch dem Veterinäramt angezeigt wurden.

Auch wenn es nur schwer zu fassen ist – mit versteckten Kameras konnten Tierschützer in den beiden Schlachthöfen den alltäglichen Betrieb beobachten, wie er sich tausendfach an allen Schlachtplätzen abspielt, Tag für Tag. Die beiden Fälle zeigen unfreiwillig, dass es keine Rolle spielt, ob ein Tier aus Bio- Haltung stammt oder nicht. Auch eine Überwachungsanlage bietet keine Zuverlässigkeit. Die einzige Möglichkeit, solche Tierquälerei nicht mehr zu unterstützen ist der Austausch tierischer Produkte auf dem Teller durch pflanzliche Alternativen. Denn nur so können wir Verbraucher dazu beitragen, dass weniger Tiere geschlachtet werden.

Skandal:

Hier schaut ein Amtsveterinär bei Tierquälerei zu und schreitet nicht ein – die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Veterinäramt in Oldenburg.

© Jan Peifer
© Jan Peifer
© Jan Peifer