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Nicky
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Nicky

Tierschutzfall aktion tier Berlin

Als wir Nicky zum ersten Mal sahen, waren wir entsetzt. Foto: © Privat
Die kleine Mischlingshündin ist eigentlich noch ganz gut drauf. Ein bisschen tüttelig vielleicht, was aber ganz normal für dieses Alter ist. Schließlich ist sie mit 15 Jahren schon recht betagt. Nicht normal sind dagegen die zwei großen Tumore, die auf dem kleinen Körper im Laufe der Zeit gewachsen sind.
Ein Bericht von Ursula Bauer,
Geschäftsstelle aktion tier Berlin

Mitte November letzten Jahres lernen wir Nicky kennen. Die Hündin lebt im Berliner Bezirk Neukölln in einer kleinen, vollgestopften Hochhauswohnung. Man merkt sofort, dass man bei starken Rauchern ist, die nicht auf den Balkon gehen, um ihre Sucht zu befriedigen. Auch nicht aus Rücksicht auf die empfindliche Hundenase ihres Mitbewohners.

Dem Tier scheint insgesamt wenig Liebe geschenkt zu werden. Allein sein Anblick ist erschreckend. Ein großer, vereiterter Tumor prangt leuchtend rot mitten auf dem Kopf des kleinen Hundes. Zwischen den Beinen baumelt eine weitere, große Geschwulst, die allerdings glücklicherweise geschlossen ist. Frauchen bleibt deutlich auf Abstand und scheint kein Interesse mehr an ihrem alten, angeblich fast blinden Vierbeiner zu haben. Wir müssen sie regelrecht überreden den Tumor am Kopf mit der mitgebrachten Spezialsalbe einzucremen.

Man merkte, dass der alte, kranke Hund nicht mehr erwünscht war. Foto: © Privat
Das stark nässende, offene Geschwür am Kopf wurde nicht behandelt. Foto: © Privat

Man zeigt uns ein Video von der jüngeren, gesunden Nicky, die ausgelassen auf einer Grünfläche herumtollt. An dem kranken Hund lässt man jedoch kein gutes Haar. Als ob Nicky Schuld an ihrem Zustand wäre, wird erzählt, wie schwierig alles ist, wie schlecht sie läuft, dass sie alles dreckig macht und es das Beste wäre, sie einschläfern zu lassen. Vermutlich hält nur das fehlende Geld von diesem Schritt ab. Wir reden mit Engelszungen auf die Halter ein – der Hund ist ganz offensichtlich noch nicht bereit zu sterben. Er ist interessiert, läuft herum, beschnüffelt den Besuch. Unsere Erklärungen, wie der Tumor am Kopf zu reinigen und zu pflegen ist, werden wahrscheinlich sowieso nicht beherzigt. Ein Blick auf den Zustand der Wohnung und die Bewohner zeigt, dass sich die Verwahrlosung nicht allein auf den Hund beschränkt. Wie soll man ein Tier umsorgen, wenn man sich selbst und seinen Lebensbereich derart stark vernachlässigt.

Im Laufe der nächsten Wochen geht es dem Hund immer schlechter. Was jedoch nicht an den Tumoren liegt. Nicky magert zusehends ab. An Appetit mangelt es nicht, sie hat sogar einen Riesenhunger. Aber ihr Frauchen gibt ihr nicht genug zu fressen. Aus Faulheit oder Desinteresse. Uns ist klar, dass Nicky bald sterben wird, wenn sie bei ihren Leuten bleibt. Sie wird einfach verhungern. Vielleicht ist das ja sogar beabsichtigt. Dabei bringt eine Bekannte der Familie sogar Futter vorbei, das aber nur selten tatsächlich im Napf landet. Außerdem wird, statt die offene Geschwulst ordentlich zu reinigen und zu pflegen, dem Hund einfach der Beißkragen dauerhaft umgelegt, damit die Möbel nicht verschmutzen. Das ist natürlich sehr unangenehm, Tag und Nacht mit einem sperrigen Kragen zu leben. Ein weiches Lager gibt es auch nicht, weil Frauchen nicht so oft das blutige Hundebett waschen will.

Grobe Vernachlässigung

Solche Tumore wachsen nicht von heute auf morgen. Im Frühstadium hätte man Nicky operieren und entsprechend behandeln können. Aber für den Gang zum Tierarzt hat es nicht gereicht. Die Halter waren zu geizig, zu unfähig, zu lahm oder alles zusammen. Wenn am Tierarzt gespart wird, ist immer das Tier der Leidtragende.

Die Besitzer sind ihren Verpflichtungen ihrem Tier gegenüber nicht nachgekommen und haben dem Hund durch die starke Vernachlässigung dauerhafte Schmerzen und Leiden verursacht. Diese massiven Verstöße gegen das Tierschutzgesetz haben wir angezeigt und hoffen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Verzweifelt suchen wir nach Unterbringungsmöglichkeiten. Die uns bekannten, tierlieben Menschen, die regelmäßig einen alten, kranken Vierbeiner adoptieren und bis zum Ende begleiten, sind alle voll. Ins Tierheim kann Nicky auch nicht. Sie braucht Nähe, Wärme, ein sauberes Umfeld und den regelmäßigen Tierarztbesuch. Das alles finden wir schließlich bei Stevie, die ein Hundehospiz in Brandenburg betreibt, und sofort bereit ist, Nicky aufzunehmen. Die Einrichtung ist spezialisiert auf kleine alte Hunde, die in familiärer Atmosphäre den Rest ihres Lebens umsorgt werden. Wir sind überglücklich, aber kurz danach entsetzt, weil sich die Halterin, die den Hund gerade noch einschläfern will, plötzlich weigert, den Vierbeiner herauszugeben. Wie es der Zufall will, muss sie dann jedoch spontan ins Krankenhaus und weist ihren Mitbesucher an, die Hündin ins Tierheim zu bringen. Das ist unsere Gelegenheit. Wir überreden den Mann, uns Nicky zu überlassen.

Am 15. Dezember ist sie dann endlich im Hospiz und in Sicherheit. Hier wird sie von Stevie und ihrem Freund liebevoll aufgenommen und gleich am nächsten Tag dem Tierarzt vorgestellt. Dieser reinigt den Tumor am Kopf und therapiert mit Antibiotika, Schmerzmitteln und Cortison. Nicky kann, entgegen der Aussage ihrer Besitzerin, noch ganz gut sehen und ist keinesfalls blind. In Stevies Obhut bekommt die alte Dame auch endlich genug zu fressen – alle paar Stunden 200 Gramm hochwertiges Futter. Sie hat einen Bärenhunger und richtig Nachholbedarf.

In dem blitzsauberen, gemütlichen Haus leben noch viele andere alte Hunde. Sie sind alle vom Alter und von ihrem, oft nicht schönen, bisherigen Leben gezeichnet. Bei einem hängt die Zunge raus, dem anderen fehlt ein Auge, manche haben krumme Beinchen und schütteres Fell. Es wird viel gekuschelt, die Senioren dürfen überall hin und haben Vorrang, wenn es um die besten Plätze auf dem riesigen Sofa geht. Nicky genießt es sichtlich, wenn Stevie sie im Arm hält und krault. Sie bedankt sich für die Schmuseeinheiten mit kleinen Küsschen.

Ein Teil der Senioren-Bande im Hundehospiz. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer
Nach ein paar Tagen im Hospiz hat Nicky schon zugenommen und sieht viel besser aus. Foto: © Privat
Nicky will immer noch gerne nach draußen. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer

Nachdem sich die Hündin langsam erholt, beschließen Stevie und die Tierärztin, die gutartige Geschwulst an der Vagina zu entfernen. Der 150 Gramm schwere Tumor baumelt zwischen den Beinen herum und behindert den Hund auch beim Absetzen der Exkremente. Die kurze Operation in leichter Narkose wird gut überstanden und der massive Zahnstein auch gleich noch entfernt. Stevie freut sich, als Nicky am Abend das erste Mal mit dem Schwanz wedelt. Vielleicht spürt die Hündin die Erleichterung, sich ohne den lästigen Tumor besser bewegen zu können.

Leider kann man die Zeit jedoch weder anhalten noch zurückdrehen, und in Nicky Körper breitet sich der Krebs weiter aus. Wie die meisten alten Hunde wird sie zunehmend wählerisch beim Futter und mag heute dies und morgen das. Stevie kennt das schon und bietet unterschiedliches Fleisch, Hühnerherzen oder auch mal Geflügelwurst so lange an, bis Nicky sich entscheidet. Hauptsache, die Hündin frisst. Sie hat nach 6 Wochen im Hospiz ein Gewicht von knapp 7 kg, ist aber dennoch sehr dünn und nimmt leider auch nicht weiter zu. Die neu entstehenden Tumore verändern den Stoffwechsel und schwächen den Körper, so dass es trotz guter Ernährung zu einer fortschreitenden Auszehrung kommt.

Die Kuschelstunden werden genossen. © aktion tier, Ursula Bauer

Nicky kann auch immer schlechter laufen und macht nur noch kleine Ausflüge nach draußen in den großen Garten. Das alles ist für Stevie und ihren Freund aber kein Problem. Sie haben mit ihrer „Omi“ eine Engelsgeduld und freuen sich über jeden Tag, den die Hündin bei ihnen ist. Wir sind froh und dankbar, dass Nicky in diesem fürsorglichen Umfeld ihre Restlebenszeit genießen kann.