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Leder, ein Abfallprodukt?
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Leder, ein Abfallprodukt?

Verbraucherschutztipps von aktion tier

Die industrielle Massentierhaltung steht längst weltweit in der Kritik von Verbrauchern und Tierschützern. Viel zu groß ist die Summe der Skandale und Missstände, die im Zusammenhang mit der Intensivtierhaltung immer wieder in die Öffentlichkeit gelangen. Fleisch ist vor allem in der westlichen Welt eine kostengünstige, allzeit verfügbare Ressource geworden. Auch an die Herkunft anderer tierischer Produkte wie Milch oder Eier werden oft nur wenig Gedanken verschwendet, wie selbstverständlich gehören auch sie zum Alltag. Doch ein weiteres tierisches Produkt wird oft ganz vergessen: Während der Protest gegen Pelz mittlerweile selbst bei teuren Modelabels zum guten Ton gehört, wird Leder fast immer ausgeblendet.
Ein Bericht von Jan Peifer

Dabei ist der Unterschied nur oberflächlich, lediglich die Herkunft sieht man dem verarbeiteten Produkt meist nicht mehr an. Fast eine Milliarde Tiere fällt jährlich der Lederindustrie zum Opfer; neben Rindern, Pferden oder Schweinen lassen auch Exoten wie Krokodile, Schlangen, Warane und sogar Hunde und Katzen ihr Leben auch oder ausschließlich für die „Gewinnung“ ihrer Haut zur Produktion von Bekleidung, Schuhen, Sofabezügen, Autositzen, Handtaschen und vielem mehr. Oft wird Leder als reines Abfallprodukt der Fleischindustrie gesehen. Die Häute der geschlachteten Tiere werden eben auch verwertet, was soll daran falsch ein? Diese Sichtweise ist jedoch etwas zu einfach. Richtig ist, dass die Verarbeitung der Tierhaut zu Leder Zucht und Schlachtung noch profitabler machen.

Mit knapp 50 % des Gesamtgewinns, der neben dem Verkauf von Fleisch aus einem Schlachttier (z.B. einer Kuh) erwirtschaftet wird, macht Leder einen enormen Teil der Wertschöpfung aus. Viele Tiere aber werden sogar vorrangig für die Lederproduktion geschlachtet und genutzt. Dies gilt vor allem für exotische Tierarten, deren Häuten herausragende Eigenschaften nachgesagt werden.

So sollen etwa die besten Fußballschuhe aus Känguruleder gemacht werden, Handtaschen oder Gürtel aus dem Leder von Krokodilen oder Schlangen gelten als besonders exklusiv. Dabei leiden gerade diese Tiere schwer, denn in den Herkunftsländern gibt es oft keine oder nur mangelhafte Tierschutzgesetze. Bevor ihre Haut als Luxusaccessoire auch in westlichen Ländern über die Ladentheken wandert, werden Krokodile, Schlangen, Warane und viele andere Tiere vor allem in Asien auf großen Farmen gezüchtet. Gar nicht oder nur unzureichend betäubt, werden sie häufig lebend gehäutet. Während Teile des Fleisches von Krokodilen noch als Delikatesse nach China verkauft werden, ist der restliche Körper nur noch Abfall, der auch dementsprechend behandelt wird. Das Blut und Leid der Tiere aber sieht man dem teuren Uhrenarmband oder Portemonnaie, welches zu einem hohen Preis auch bei uns verkauft wird, nicht mehr an.

Leder von Hund und Katze gelangt immer wieder in den Handel

Nicht besser ergeht es auch Hunden und Katzen, die in asiatischen Ländern vielerorts ganz alltäglich als Lieferant für Leder und Pelz geschlachtet werden. Da diese Nutzung westlichen Normen und Werten eklatant widerspricht, sind der Handel und der Import ihrer Felle oder Bestandteile in der EU schon seit 2009 verboten. Doch mangels gründlicher Kontrollen und insbesondere strengerer Kennzeichnungspflicht gelangen auch Pelz oder Leder von Hund und Katze immer wieder in den Handel und die Hände unwissender westlicher Käufer. Die Tatsache, dass die Herstellung von Kunstpelz mittlerweile teurer geworden ist als die Verarbeitung echter Häute von den von uns als Haustiere so beliebten Vierbeinern, trägt weiterhin zu dieser traurigen Feststellung bei – und zeigt gleichzeitig, wie wenig ihr Leben andernorts zählt.

Umso spannender ist angesichts dieser Missstände nicht nur für Veganer die Entwicklung von alternativen Lederquellen aus Pflanzen, die schon seit einigen Jahren für großes Aufsehen sorgt. Neben der Verfügbarkeit von tierischem Leder sind vor allem die Eigenschaften Gründe für seine stetige Beliebtheit. Leder gilt nicht nur als robust und langlebig, sondern gleichzeitig als geschmeidig, wind- und wasserabweisend, atmungsaktiv und formstabil. Genau diese Eigenschaften konnten Tüftler mittlerweile mit Geweben aus pflanzlichem Leder erzielen. Zu den vielversprechenden Stoffen der Zukunft zählen dabei Fasern aus Kork, Hanf, Ananas und sogar von Pilzgeflechten. Sie bilden den Rohstoff für veganes Leder, welches seinem tierischen Vorbild in nichts nachsteht – ganz ohne Tierleid, ohne Gifte und – weil viel ressourcenschonender – auch noch zu einem günstigeren Preis. Diesen Trend haben auch westliche Label schon erkannt, und so könnten Produkte aus Pflanzenleder sogar zum Statussymbol werden, welches sein ursprüngliches Vorbild in naher Zukunft ablösen könnte.

Zu den Verlierern der Ledergewinnung gehören mittlerweile aber längst nicht mehr nur die Tiere. Auch wenn der Einsatz von gefährlichen Chemikalien bei der Gerbung zurückgedrängt wird, sind fast 90 % aller gehandelten Lederartikel mit verschiedenen Substanzen belastet. In erster Linie setzen die Arbeiter ihre Gesundheit aufs Spiel, die direkt an der Herstellung beteiligt sind. Doch selbst im fertigen Produkt werden immer wieder Spuren von Chrom oder anderen giftigen Stoffen festgestellt, die allergische Reaktionen und Hautschäden hervorrufen können. Die Belastung des Grundwassers und überhaupt der riesige Wasserverbrauch während der Produktion ist nur ein weiterer negativer Effekt der Lederherstellung.