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Die Waldschnepfe
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Die Waldschnepfe

Ein ganz besonderer Vogel

Foto: © Ursula Bauer
Wussten Sie, dass das Waldschnepfen-Weibchen bei Gefahr ihre Küken mit den Füßen am Bauch einklemmt und so mit ihnen davonfliegt? Das ist aber noch nicht alles.
Ein Bericht von Ursula Bauer,
Geschäftsstelle aktion tier Berlin

Die etwa taubengroße Waldschnepfe (Scolopax rusticola) ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sie gehört zu den sogenannten Watvögeln, deren Vertreter feuchtsumpfigen Lebensräume wie Ufer, Küsten, Moore und Nasswiesen besiedeln. Mit Ausnahme der Waldschnepfe – die lebt lieber in vielfältig strukturierten Laubund Mischwäldern, die nicht einmal feucht sein müssen. Der gut getarnte, bodenbewohnende Vogel benötigt jedoch einen mit

Humus, üppiger Krautvegetation und schützenden Sträuchern bedeckten Waldboden. Zum Verstecken, zur Nahrungssuche und auch für das Brutgeschäft.

Des Weiteren sind Waldschnepfen dämmerungsund nachtaktiv, weshalb man sie selten zu Gesicht bekommt. Auffallend und sehr besonders ist ihr langer Schnabel, bei dem es sich um ein hochsensibles Sondierwerkzeug handelt, mit dem die Vögel im Untergrund nach Würmern, Insekten oder Schnecken bohren und Beutetiere bis zu 8cm Bodentiefe ertasten können.

Waldschnepfen können fantastisch sehen. Ihre großen Augen, die für einen dämmerungsaktiven Vogel sehr wichtig sind, liegen so weit oben am Kopf, dass ein 360 Grad-Rundumblick ohne Kopfdrehung möglich ist.

Regenwürmer sind die Leibspeise der Waldschnepfen. Foto: © Ursula Bauer
Windrad im Schwarzwald. Foto: © Ursula Bauer

Die Spitze des Oberschnabels lässt sich bei ansonsten geschlossenem Schnabel wie eine Pinzette öffnen. So kann die Beute mit Hilfe der Zunge geschluckt werden, ohne dass der lange Schnabel komplett aus dem Boden gezogen werden muss.

In der Regel leben Waldschnepfen nicht permanent in Deutschland, sondern kommen nur zum Brüten her. Den Winter verbringen sie meistens an der Atlantikküste, im Mittelmeerraum oder in England. Städte gehören nicht zu den bevorzugten Lebensräumen der scheuen Waldschnepfe, aber während der Zugzeit im Herbst und Frühjahr trifft man sie gelegentlich in besiedelten Bereichen beim Rasten oder Fressen.

Gefährdung und Schutz

Gefahr droht der Waldschnepfe zum Beispiel durch forstwirtschaftliche Maßnahmen wie die Anpflanzung nicht-standortheimischer Baumarten sowie den Verlust von Lebensräumen durch die Einrichtung von Windanlagen in Waldgebieten. Daneben stellt die Jagd eine nicht zu vernachlässigende Gefährdungsursache dar. Leider zählt die Waldschnepfe in Deutschland nach dem Bundesjagdgesetz zu den jagdbaren Wildarten und darf vom 16. Oktober bis zum 15. Januar geschossen werden. Neben Bundesländern wie Bayern, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen, die diese maximal erlaubte Jagdzeit in ihren regionalen Jagdgesetzen festgeschrieben haben, gelten in einigen Bundesländern wie Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern leicht verkürzte Jagdzeiten vom 16. Oktober bis zum 31. Dezember. In Bundesländern wie Hessen und Nordrhein-Westfalen besteht für Waldschnepfen im Moment eine ganzjährige Schonzeit.

Die nach Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützte Waldschnepfe steht in der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands aufgrund der beobachteten Bestandsrückgänge auf der Vorwarnliste. BirdLife International, eine internationale Organisation zum Natur- und Vogelschutz, erarbeitet regelmäßig die Europäische Rote Liste der Vögel. Hier zählen Waldschnepfen zu den innerhalb der EU jagdbaren Vogelarten mit „unvorteilhaftem Erhaltungsstatus“. Übersetzt: Es wird ein starker Bestandsrückgang beobachtet und die Art als gefährdet eingestuft. Als erster Schritt zum Schutz dieser schönen und besonderen Vögel sollte die Waldschnepfe bundesweit als jagdbare Art gestrichen werden!

In Deutschland wurden in der Jagdsaison 2014/2015 insgesamt 9.672 Waldschnepfen erlegt. In Frankreich und Italien sind die scheuen Vögel bei Jägern noch weit aus beliebter. In jedem dieser Länder werden jährlich bis zu 1,3 Millionen Tiere zur Strecke gebracht.

Die verletzte Waldschnepfe. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer
In der Tierklinik in Düppel wird der Vogel untersucht. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer
Die verletzte Waldschnepfe in einer Transportkiste. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer

Verletzte Waldschnepfe gerettet

Ende März wurde eine verletzte Waldschnepfe in unsere Berliner Geschäftsstelle auf dem Kaiserdamm gebracht. Ein tierlieber Nachbar hatte den apathisch auf dem Gehweg kauernden Vogel in einer Seitenstraße gefunden. Das Tier bewegte sich nur schwach, an der Schnabelwurzel klebte Blut. Wir fuhren sofort in die Tierklinik nach Düppel, wo unsere Vermutung bestätigt wurde: Die Schnepfe muss gegen eine Scheibe geflogen sein. Beim Aufprall hatte sich der arme Vogel ein Schleudertrauma zugezogen und das Brustbein gebrochen. Das war auch der Grund, warum das Tier nicht mehr fliegen konnte. Außerdem waren bei dem Unfall einige Luftsäcke geplatzt. Es handelt sich hierbei um Anhänge der Lunge, die wie Blasebälge dafür sorgen, dass diese ständig mit Luft durchströmt wird. Zum Glück bestanden für alle Verletzungen sehr gute Heilungschancen, zumal unsere Waldschnepfe auch kräftig und gut genährt war.

Einige Tage musste der Vogel in der Tierklinik intensiv betreut werden. Bei Waldschnepfen sind Pflegeaufenthalte immer ein wenig problematisch, da sie eine sehr spezielle Art haben, sich zu ernähren. Sie stochern mit ihrem langen Schnabel tief in der Erde nach Würmern und Insekten. Nur sehr selten wird die in Gefangenschaft angebotene Nahrung selbstständig gefressen, daher müssen die meisten Schnepfen von Hand zwangsernährt werden. Das sogenannte Stopfen mit kleingeschnittenem Rinderherz stresst die empfindlichen Vögel, und es besteht die Gefahr, dass ein Pflegling bei der Prozedur vor Aufregung stirbt. Nach dem Klinikaufenthalt zog unser Patient dann in eine spezialisierte Pflegestelle, wo er in einer entsprechend präparierten Voliere untergebracht war, deren Boden aus einer dicken Humusschicht voller Regenwürmer bestand. In diesem konnte der Vogel dann selbstständig nach Nahrung suchen. Nach der vollständigen Genesung wurde er schließlich wieder in die Freiheit entlassen.