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Der Leinenrambo
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Der Leinenrambo

Warum der Hund beim Spaziergang ausflippt

© AdobeStock, Photoboyko
Das Wetter ist schön, und die lange Mittagspause oder der freie Tag laden zu einem ausgiebigen Spaziergang mit dem Hund ein. Da es leider nicht immer möglich ist, mit dem geliebten Vierbeiner bis ins Hundeauslaufgebiet zu fahren, wird auch der Park um die Ecke für einen gemeinsamen Lauf genutzt. Doch dort herrscht Leinenzwang und damit beginnt für viele Hundebesitzer:innen bereits das Problem: die Leinenaggression.
Ein Bericht von Ann Kari Sieme, aktion tier-Geschäftsstelle Berlin

Von Leinenaggression ist immer dann die Rede, wenn der Hund im Freilauf ein normales Sozialverhalten zeigt, an der Leine jedoch aggressiv auf Artgenossen oder Menschen reagiert.

Für viele Hundebesitzer:innen ist die Leinenaggression ihres Hundes ein sehr anstrengendes und nervenaufreibendes Problem. Gerade bei größeren Hunden, die sich mit ihrem kompletten Gewicht in die Leine schmeißen, kann die Leinenaggression des eigenen Hundes auf Dauer auch körperliche Probleme bei Herrchen und Frauchen (und auch beim Hund) hervorrufen. Gerne kommen beim Menschen dann noch Gefühle wie Ohnmacht, Verzweiflung, Unverständnis, Scham und auch Wut dazu.

Das Aggressionsverhalten eines Hundes gehört in das natürliche Kommunikationsrepertoire und ist ein wichtiger Teil des Sozialverhaltens.

Aggressionsverhalten basiert immer auf Gefühlen und Emotionen, die in diesem Fall eines gemeinsam haben: Sie sind negativ belegt. Aggressives Verhalten wird dann gezeigt, wenn sich der Hund gegen eine (vermeintliche) Gefahr wehren muss oder eine (vermeintlich) wichtige Ressource verteidigen möchte. Was vom Hund als Gefahr und was als wichtige Ressource wahrgenommen wird, kann ganz individuell und von Hund zu Hund sehr unterschiedlich sein. Um das Problem lösen zu können, sollte zunächst die Ursache für das Verhalten gefunden werden.

Warum reagiert der Hund an der Leine so und flippt regelrecht aus, wenn er einen Artgenossen sieht?

Einige mögliche Ursachen als Beispiel:

Ein Hund, der eine recht große Individualdistanz braucht, um sich sicher zu fühlen und den direkten Kontakt mit einem fremden Hund vermeiden möchte, wird an der Leine geführt. An der Leine kann er seine Individualdistanz nur selten selbst bestimmen. Ein Ausweichen, stehen bleiben oder am Boden schnüffeln ist ihm durch die Leine nicht möglich. Er wird trotz seiner Versuche, deeskalierend zu kommunizieren, frontal auf den Hund zu geführt. Die Unterschreitung der benötigten Individualdistanz und die unter Hunden unfreundliche frontale Annäherung führen zu Emotionen wie Angst oder Wut, die das Aggressionsverhalten auslösen. Mit Erfolg – Hundehalter:innen weichen inklusive Hund aus.

Ein unkastrierter Rüde trifft an der Leine auf einen weiteren potenten Rüden. Eigentlich möchte er diesen Konkurrenten nicht in „seinem“ Park haben und würde ihm, wenn er denn nicht an der Leine wäre und natürlich kommunizieren könnte, durch verschiedene Verhaltensweisen wie beispielsweise Markierverhalten inklusive Scharren zeigen, dass dies „sein“ Park ist und der andere hier nichts zu suchen hat. Dass er dieses Verhalten nicht zeigen kann, löst negative Emotionen wie Frustration in ihm aus, und den Konkurrenten hat er auch noch nicht vertrieben. Also entlädt der Rüde seinen Frust durch Aggressionsverhalten.

Ein Hund, der bereits viele negative Erfahrungen mit anderen Hunden sammeln musste, bekommt inzwischen nur beim Anblick von ihm fremden Hunden panische Angst. Eigentlich möchte er gerne fliehen und sich in Sicherheit bringen. Die Leine hindert ihn an diesem Verhalten – eine Flucht ist unmöglich. Die negative Emotion Angst ruft Aggressionsverhalten hervor.

Ein Hund, der andere Hunde super findet, möchte gerne zu jedem Hund hin, der ihm entgegenkommt. Um den Hund daran zu hindern, hat der Halter des Hundes in der Vergangenheit bereits häufig an der Leine geruckt und dadurch (vielleicht auch unbewusst) einen Schmerzreiz ausgelöst. Mit der Zeit entsteht bei dem einst freundlich gestimmten Hund eine Fehlverknüpfung. Fremder Hund = Ankündigung für Schmerzen. Als Folge dieser Erfahrung möchte der Hund den Auslöser vertreiben und reagiert mit Aggressionsverhalten.

Auch an der Leine können Hunde durchaus entspannt sein. Foto: © Alexandra Pfitzmann
Auch an der Leine können Hunde durchaus entspannt sein. Foto: © Alexandra Pfitzmann
An der Leine entspannt bleiben, will gelernt sein. Foto: © Alexandra Pfitzmann

Diese Beispiele geben nur einen kleinen Einblick in die Ursachen einer Leinenaggression. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Der Hund erfährt an der Leine eine negative Emotion.

Um nun ins Training zu starten, sollte man sich bewusst machen, dass man negative Emotionen nicht wegstrafen kann. Jeder aversive Einfluss auf den Hund, wie abdrängen, anschreien, mit Wasser bespritzen, oder ähnliches wird noch mehr negative Emotionen in dem Hund hervorrufen und das Problem auf kurz oder lang verschlimmern.

Wie dieses aussehen kann, ist von Hund zu Hund genauso individuell wie die einzusetzende Belohnung in dieser Situation. Diese sollte für einen Trainingserfolg möglichst bedürfnisorientiert gewählt werden. Einem Hund, der sich mehr Distanz zum Auslöser wünscht, ist mit einer Futterbelohnung wahrscheinlich nicht lange geholfen. Wer sich unsicher ist, warum sein Hund regelmäßig an der Leine ausflippt und auch keine Idee dazu hat, wie er ein sinnvolles Alternativ-Verhalten zu der Pöbelei aufbauen kann, sollte sich vertrauensvoll an eine/n Hundetrainer:in in seiner Nähe wenden. Denn eines ist klar: Die Leinenaggression wird leider nicht von alleine verschwinden.