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Animal Hoarding im Landkreis Stendal
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Animal Hoarding im Landkreis Stendal

aktion tier Tierschutzfall

Chaotische Tierhaltung hinterm Zaun. Foto: März 2022 Ursula Bauer aktion tier
Die kleine Ortschaft in Sachsen-Anhalt zählt gerade mal 127 Einwohner. Hier ist es ruhig und beschaulich, die Häuser und Gärten sind gepflegt. Bis auf eines.
Ein Bericht von Ursula Bauer,
Geschäftsstelle aktion tier Berlin

Man merkt schon von außen, dass etwas nicht stimmt, auf dem alten Dreiseiten-Bauernhof. Mülltüten und Gerümpel stehen vor dem Haus, alles wirkt heruntergekommen und schlampig. Hohe Zäune versperren die Sicht auf Berge von Müll und zahlreiche Tiere. Durch die Ritzen sieht man das Chaos aber doch, und wer sich die Mühe macht, von hinten an das Grundstück heranzulaufen, versteht schnell, dass hier Menschen leben, denen etwas abhandengekommen ist. Der Sinn für Ordnung, Schönheit und das Wohl der eigenen Haustiere.

Mitte März dieses Jahres leben gemäß den Aussagen von Zeugen und unseren Beobachtungen 6 Hunde, 2 Lamas (weiß), 6 Pferde, 3 Ponys, 3 Esel und mehrere junge Katzen auf dem Hof. Aber niemand außer den Bewohnern weiß genau, was sich in den drei Gebäuden noch alles befindet.

Hunde und Katzen

Die Hunde sollen meistens sich selbst überlassen und regelrecht verwildert sein. Sie liegen oft unbeaufsichtigt vor dem Haus auf der Straße. Eine Angewohnheit, die einem der Vierbeiner schon das Leben gekostet hat. Wenn die Tiere durchs Dorf streunen, haben die Dorfbewohner Angst. Schließlich wurde schon mal ein Kind gebissen, und vor allem der große Kangal ist respekteinflößend. Hundesteuer wird wahrscheinlich auch nicht entrichtet. Im Landkreis Stendal muss für den 1. Hund 60,00 Euro, für den 2. Hund 84,00 Euro und für den 3. Hund 120,00 Euro gezahlt werden. Bei 6 Hunden würde sich das dann auf über 600 Euro summieren.

Von den Katzen haben wir nur eine zu Gesicht bekommen. Der junge graue Tiger hat tränende Augen – wahrscheinlich Katzenschnupfen. Wenn ein Tier mit dem hochansteckenden Virus infiziert ist, ist mit Sicherheit der gesamte Bestand betroffen. Eine tierärztliche Betreuung findet aller Wahrscheinlichkeit nach nicht statt.

Typisch Messie. Foto: 2020 Zeugin
Die unbeaufsichtigten Hunde sind nicht nur eine potenzielle Gefahr für andere, sondern auch selbst gefährdet. Foto: 2020 Zeugin
Den Tieren bleibt oft nichts anderes übrig als einfach nur rumzustehen. Foto: © März 2022 Zeugin
Magere Ponys. Foto: März 2022 Zeuge
Bei dieser Tierhaltung ist dauerhaft „Land unter“. Foto: März 2022 Zeuge

Akute Verletzungsgefahr und Langeweile

Die Pferde, Ponys, Esel und Lamas sind meistens auf einer kleinen, abgegrasten und vermüllten Fläche am Haus eingesperrt. Hier liegen und stehen Unrat, Plastikmüll, ein kaputter Wohnwagen, Glasscherben, scharfkantige Steine, Balken und landwirtschaftliches Gerät wild herum. Die Verletzungsgefahr ist erheblich. Auch der sich anschließende bewuchslose Paddock bietet weder die Möglichkeit zur artgerechten Bewegung noch irgendeine Form von Beschäftigung. Die Tiere langweilen sich unendlich und stehen die meiste Zeit mit gesenktem Kopf einfach nur da.

Mangelernährung

Zeugen berichten, dass Wasser und Futter oft nicht vorhanden sind. Der Verdauungsapparat von Pferden und Ponys ist jedoch auf eine kontinuierliche Futteraufnahme eingestellt. Haben sie Fresspausen, die länger als 4 Stunden andauern, kann dies zu gesundheitlichen Problemen wie Magengeschwüren und Koliken, aber auch zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Ausreichend strukturiertes Futter wie Heu oder Langstroh sollte daher unbedingt mindestens 12 Stunden am Tag angeboten werden.

Esel benötigen für eine geregelte Verdauung zusätzlich Äste oder Zweige, an denen sie herumknabbern können. Fehlen ihnen diese Rohfasern, kann es zu Stoffwechselerkrankungen und Hufveränderungen kommen.

Lamas sind zwar anspruchslose Pflanzenfresser, die mit Heu, Gras, Gemüse und Astwerk ernährt werden können. Aber selbst das steht ihnen hier nicht zur Verfügung. Ganz zu schweigen von zusätzlichen Mineralstoffen und einem Salz-Leckstein. Kamelartige benötigen diese, um ihren hohen Bedarf an Salz, Vitamin E und Selen zu decken.

Verdrecktes Trinkwasser

Unterhalb der Bebauung befindet sich eine eingezäunte Weide. Aufgrund der starken Beanspruchung ist die Fläche ohne nennenswerten Bewuchs. Laut Aussagen der Zeugen stehen große Teile der Fläche regelmäßig unter Wasser. Anstatt Tränken mit Frischwasser zu füllen, wird einfach Wasser auf die Wiese geleitet. Dieses mit den Ausscheidungen der Tiere vermischte Wasser wird notgedrungen getrunken, was chronische Schäden oder Vergiftungserscheinungen hervorrufen kann.

Das Stehen in mit Urin und Kot versetzter Feuchtigkeit begünstigt außerdem die Entstehung von Hufkrankheiten wie Strahlfäule und Mauke.

2020: Alle Esel haben einen Hufschmied schon ewig nicht mehr gesehen. Foto: Zeugin
2020: Alle Esel haben einen Hufschmied schon ewig nicht mehr gesehen. Foto: Zeugin
Dieses Foto zeigt, dass die Verwahrlosung schon seit Jahren besteht. Foto: Zeugin
2022: Die Esel haben immer noch oder schon wieder unglaublich lange Hufe. Foto: 2022/Zeugin
Auch der dunkelbraune Esel kann wegen der langen Schnabelhufe kaum laufen. Foto:2022/Zeugin

Schnabelhufe

Besonders schockierend sind die Hufe der drei Esel. Durch die fehlende Pflege sind diese unglaublich lang gewachsen. Wegen der Form nennt man so etwas auch Schnabelhufe. Normalerweise wachsen Hufe bis zu 1cm pro Monat und müssen, je nach Abnutzungsgrad, alle 6 bis 12 Wochen geraspelt und ausgeschnitten werden. Schnabelhufe sind ein Beweis für eine lang andauernde Vernachlässigung. Mit gravierenden Folgen für die Tiere. Durch die überlangen, sehr flachen und teilweise schiefen Hufe kommt es zu Fehlbelastungen von Sehnen, Bändern und Gelenken, was zu Arthrosen und Entzündungen führen kann. Ein normales Laufen ist den drei Eseln schon länger nicht mehr möglich, was die bewegungsfreudigen Tiere sehr belastet.

Fotos aus dem Jahr 2020 zeigen bei den Eseln die fast identische Huf-Situation. Selbst wenn irgendwann zwischendurch der Hufschmied zu Besuch war, sind durch die Untätigkeit der Halterin bis heute wieder Schnabelhufe gewachsen, die den Tieren vermeidbare Schmerzen, Leiden und Schäden verursachen.

Zum Vergleich – so sehen gut gepflegte Eselhufe aus. Foto: Ursula Bauer

Die Halterin

Verantwortlich für die Zustände ist Frau H.. Zeugen berichten, dass die Frau seit 2007 auf dem alten Hof wohnt. Am Anfang soll auch noch alles einigermaßen sauber und ordentlich gewesen sein. Dann kamen nacheinander mehrere Kinder, und alles verwahrloste zunehmend. Inzwischen ist es ein klassischer Fall von Animal Hoarding (Tiermessie), da über 20 Tiere nicht ansatzweise gesetzeskonform gehalten werden. Hier sind nicht einmal die Mindestanforderungen an eine artgerechte Tierhaltung erfüllt. Es ist anzunehmen, dass sich Frau H., typisch Animal Hoarder, für eine Tierschützerin oder zumindest Tierfreundin hält, die Lebewesen rettet.

Besonders schlimm ist es direkt am Wohnhaus. Die Tiere haben offensichtlich Zugang zu diesem Bereich und suchen in dem Chaos nach Fressbarem. Laut Aussagen unserer Zeugen bekommt Frau H. öfter große Mengen an Obst und Gemüse gespendet. Das kippt sie dann so, wie es ist, einfach auf diese Müllfläche. Zum Beispiel in Folie verpackten Brokkoli und Netze mit Orangen. Die Halterin macht sich nicht die Mühe, die Verpackungen zu entfernen, obwohl sie dadurch ihre Tiere in Gefahr bringt.

Hier offenbart sich nicht nur Gedankenlosigkeit und Desinteresse, sondern auch fehlende Sachkunde. Wer sich das Fachwissen aneignet, kann zum Beispiel die Hufe von Esel auch selbst zumindest zwischen den HufschmiedTerminen kurzhalten und auf diese Weise Kosten sparen. Allerdings ist für Animal Hoarder auch charakteristisch, dass sie aufgrund einer Wahrnehmungsstörung tatsächlich der Meinung sind, dass es ihren Schützlingen super gut geht, obwohl sie das für „normale“ Menschen offenkundige Tierleid ständig um sich haben.

 

Zwei Pferde suchen im Abfall nach Futter. Foto: Zeugin, Dez. 2021

Wir tun was

Dass Missstände schon seit Jahren bestehen, ist im Grunde ein Unding, aber leider in unserem Tierschutzalltag die traurige Regel. Sämtliche Zeugen haben uns versichert, dass sie beim zuständigen Ordnungs- oder Veterinäramt in der Vergangenheit Anzeigen erstattet hätten. Dort wollte man sich auch „der Sache“ annehmen – Verbesserungen in der Tierhaltung sind jedoch zumindest zwischen 2020 und heute nicht festzustellen.

aktion tier hat sofort nach der Tierschutzkontrolle mit Hilfe unseres hervorragenden Anwalts und unter Hinzuziehung diverser Zeugen eine umfangreiche Anzeige erstattet, die sämtliche Verstöße gegen Tierschutzvorschriften enthält. Da wir Frau H. für eine Animal Hoarderin halten, die auch in Zukunft nicht in der Lage sein wird, eine dauerhaft gute Tierhaltung zu gewährleisten, haben wir dringend empfohlen, der Frau sämtliche Tiere fortzunehmen.

Menschen wie Frau H. sollten keineTiere halten dürfen! Foto: Zeugin

Erfolg für die Tiere

Aufgrund unserer Anzeige fand wenig später auf dem Hof eine Tierschutzkontrolle mit Polizei sowie Vertretern des Veterinär- und Ordnungsamtes statt, im Rahmen derer die Beamten die von uns anzeigte erhebliche Vernachlässigung der Tiere bestätigt sahen. Frau H. hat wahrscheinlich noch nie die in §2 des Tierschutzgesetzes festgelegten Anforderungen an eine art- und verhaltensgerechte Tierhaltung erfüllt.

Die Behörden führten daher umgehend eine Fortnahme nach § 16 A TSchG durch. Einige Tiere hat die Halterin freiwillig abgegeben, so dass diese schnell vermittelt werden können. Die übrigen wurden auf Pflegestellen untergebracht, bis eine Entscheidung über die weitere Vorgehensweise getroffen wird. Ein behördliches Tierhalteverbot soll angeordnet werden, und wir hoffen sehr, dass die Maßnahmen ausreichen, um eine neuerliche Anschaffung von Tieren zu verhindern.