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Zootier des Jahres 2022
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Zootier des Jahres 2022

aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen, Niedersachsen

Eine Gruppe Visayas-Pustelschweine in der aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen. Foto: aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen
Bereits kurz vor Weihnachten 2021 hat sich die aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen bereit erklärt, eine Gruppe von fünf jungen VisayaPustelschweinen (Sus cebifrons) aus dem Zoo Landau aufzunehmen, weil die Gruppe dort stark angewachsen war und neuer Nachwuchs bevorstand. Es wurde dringend neuer Platz für den Nachwuchs aus den Jahren 2021 und 2020 benötigt. Obwohl für die hochbedrohte Schweineart ein Europäisches Erhaltungszuchtprogramm geführt wird, hat sich kein Zoo gefunden, der die Jungschweine aufnehmen konnte.
Ein Bericht von Dr. Florian Brandes
Leiter der aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen.

Aufgrund der starken Bedrohung wurden nun die Visaya-Pustelschweine zusammen mit den nah verwandten JavaPustelschweinen und Bawean-Pustelschweinen zum Zootier des Jahres 2022 gekürt. Das freut uns besonders, denn es zeigt, wie wichtig die Arbeit der aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation auch im Bereich Artenschutz ist. Außerdem sind unseren Mitarbeitern die liebenswerten und intelligenten Tiere schon in kurzer Zeit ans Herz gewachsen.

Viele wild lebende südostasiatische Schweinearten sind durch den Verlust ihres Lebensraumes bedroht, welcher durch illegalen Holzeinschlag, kommerziellen Kahlschlag und der Ausbreitung von Menschen genutzter Flächen verursacht wird.

Ihre Restbestände sind in getrennte Populationen zersplittert. Die Hybridisierung, also die genetische Vermischung mit freilebenden oder verwilderten domestizierten Schweinen sowie eurasischen Wildschweinen, stellt ein weiteres Problem dar. Zudem werden die Schweine stark bejagt, weil ihr Fleisch auf dem Markt oft einen höheren Preis als das der Hausschweine erzielt und weil sie Ernteschäden verursachen.

Aktuell kommt noch eine weitere große Bedrohung für die Pustelschweine hinzu – die „Afrikanische Schweinepest“. Hierbei handelt es sich um eine hochansteckende Viruserkrankung, die in den meisten Fällen tödlich für die befallenen Schweine verläuft. Für Menschen ist das Virus ungefährlich. Während die Infektionskrankheit für die Fleischindustrie zu immensen Verlusten führt, kann die Seuche insbesondere für Pustelschwein-Arten, die nur in sehr begrenzten Gebieten, etwa auf kleineren Inseln leben, zur kompletten Ausrottung des Bestandes führen.

Tierpfleger Jürgen Müller wird von den Visaya-Pustelschweinen bei der Fütterung freudig begrüßt. Foto: aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen

Die „Zootier des Jahres“-Artenschutzkampagne hat zum Ziel, Spenden zu sammeln, um schnellstmöglich Maßnahmen zum Schutz der bedrohten Pustelschwein-Arten zu unterstützen.

Dabei arbeiten die zoologischen Einrichtungen und Mitglieder der Deutschen Tierpark-Gesellschaft e.V., des Verbandes der Zoologischen Gärten e.V. und der Gemeinschaft der Zooförderer e.V. eng mit der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e.V. zusammen, die jedes Jahr eine Art zum Zootier des Jahres wählt, die hochbedroht ist, aber keine Lobby besitzt und auch nicht im Fokus anderer Naturschutzorganisationen steht.

Neben der Umsetzung von direkten Schutzmaßnahmen in den Ursprungsgebieten der Pustelschweine, möchte die „Zootier des Jahres“-Kampagne 2022 allerdings auch auf die prekäre Lage von Schweinen in europäischen Zoos aufmerksam machen. Schon jetzt ist die Situation in zoologischen Gärten durch die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest angespannt. In einigen Zoos wurde bereits eine langfristige Stallpflicht für Schweine angeordnet.

Auf der indonesischen Insel Java soll in einer Erhaltungszuchtstation eine Reservepopulation von Bawean-Pustelschweinen aufgebaut werden. Auch für die inzwischen seltenen Java-Pustelschweine und das von der Ausrottung bedrohte philippinische Visayas-Pustelschwein gibt es bereits Schutzkonzepte, deren zeitnahe Umsetzung durch die „Zootier des Jahres“-Artenschutzkampagne ermöglicht werden sollen.

Manche Zoos sehen sich damit konfrontiert, auf die Nachzucht sogar seltenster Schweinearten zu verzichten, weil vor dem Hintergrund tierseuchenrechtlicher Auflagen, die zunächst nicht zwischen Nutztieren und bedrohten Schweinearten unterscheiden, eine langfristige Haltung in zoologischen Gärten nicht mehr gewährleistet werden kann. „Wir müssen mit den Behörden, Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern unbedingt zeitnah zusammen nach praktikablen Lösungen suchen, damit die für die Arterhaltung so wertvollen und unwiederbringlichen Zuchtbestände keinen radikalen Maßnahmen zum Opfer fallen“, sagt Tierärztin Dr. Viktoria Michel, Projektkoordinatorin der „Zootier des Jahres“-Kampagne.

Weitere Informationen finden Sie auch unter:
https://www.zootierdesjahres.de/