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So viel Tierleid steckt in unserer Kleidung – Leder
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So viel Tierleid steckt in unserer Kleidung

aktion tier Kampagne – Todschick - Leder

Im letzten Journal haben wir unsere Reihe zur Kampagne TODSCHICK mit der Seide gestartet. Nun folgt das etwas komplexere Thema „Leder“, das Ihnen hoffentlich neben interessanten Informationen auch Spaß beim Lesen bietet.
Ein Bericht von Ursula Bauer,
Geschäftsstelle aktion tier Berlin

Leder

Als Leder bezeichnet man die durch Gerbung haltbar gemachte Haut von Tieren. Produkte aus Leder sind in unserem Leben allgegenwärtig. Angefangen bei Fensterleder, Autoschwämmen, Arbeits- und Schutzhandschuhen, über Sättel und Geschirre für Reitsport und Landwirtschaft, Halsbänder, Leinen und Maulkörbe für Haustiere sowie Lederriemen z.B. für Schmuck oder Musikinstrumente wie Trommeln bis hin zu Accessoires wie Gürtel, Taschen und Geldbeutel. Nicht zu vergessen die beliebten, mit Leder bezogenen Möbel und Autositze. Im Sektor Bekleidung wird das meiste Leder in der Schuhindustrie verarbeitet. Daneben gibt es natürlich auch Jacken, Röcke, Hemden, Hosen, Handschuhe und vieles mehr aus Tierhaut.

Die Herstellung

Es sind bis zu 55 Arbeitsschritte erforderlich, um die abgezogene Tierhaut in haltbares Leder zu verwandeln.

  • Konservierung der frischen Tierhaut durch Trocknen, Einfrieren oder Salzen, um die Zersetzung zu verhindern.
  • Reinigung und Weichmachen durch verschiedene Waschlösungen in der sogenannten „Weiche“.
  • Äschern: Lockern von Fett-, Fleischresten und Haaren durch Baden in Laugen. Danach mechanisches Abschaben der gelösten Bestandteile.
  • Bei Bedarf werden dicke Tierhäute horizontal durchgeschnitten (= Spaltleder) wodurch man die doppelte Fläche Leder erhält.
  • Entfernung der Rückstände des Äscherns und Baden der Häute in Lösungen mit verschiedenen Säuren und Salzen.
  • Gerbung mit pflanzlichen, mineralischen oder synthetischen Stoffen. Das nun haltbare Leder kann gefärbt und gefettet werden.
  • Nach dem Trocknen Weichmachen durch mechanisches Walken.
  • Zurichten: Korrektur von Fehlern, Bearbeitung der Oberfläche (z.B. lackieren, prägen).

China, Brasilien, Russland und Indien bilden die Spitze der lederproduzierenden Länder. Während in Asien und Afrika oft auch heute noch unter freiem Himmel in Gruben mit vollem Körpereinsatz gearbeitet wird, verwendet man in Amerika und Europa für die Gerbe- und Färbeprozesse schon lange rotierende Fässer, meist aus Holz oder Metall.

Viele Produkte des täglichen Lebens bestehen aus Leder. Foto: Ursula Bauer
In der sogenannten Weißgerberei werden Aluminiumsalze verwendet, wodurch ein sehr feines weißes Leder entsteht. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Auf solchen Holzböcken werden Haare und Fleischreste von der Rohhaut abgeschabt. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Früher wurden auch in Deutschland die rohen Tierhäute in Bächen und Flüssen gewaschen. Foto: Weißgerbermuseum Doberlug-Kirchhain
Altes Gerbfass im Weißgerbermuseum Doberlug-Kirchhain. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Altertümliche Gerberei in Afrika, 2018. Foto: CC BY-SA 3.0

Einige häufige Lederarten

Glattleder: eine Bezeichnung für alle Lederarten, deren Narbenseite nach außen zeigt. Jede Tierart hat eine natürliche, charakteristische und einzigartige Oberflächenstruktur der Haut, die Narbung oder Narbenzeichnung genannt wird. Die Narbung entsteht zum Beispiel durch die Poren der ursprünglichen Haare.

Nappaleder: Ein durch eine spezielle Chromgerbung hergestelltes, besonders weiches und geschmeidiges Glattleder von unterschiedlichen Tieren. Bei Nappa darf die ursprüngliche Narbung nicht verändert werden.

Nubuk- und Veloursleder: Für diese feinen Leichtleder wird die Narbenseite von Glattleder untersc hie dlic h stark angeschliffen. Die Oberflächenstruktur von Nubuk ist feiner und samtiger als die von Veloursleder.

Lackleder: Hier wird die Oberseite des Leders lackiert oder mit einer glänzenden Folie überzogen.

Wildleder: Vielfach wird dieser Begriff einfach für alle Arten von Leder mit angerauter Oberfläche verwendet. Genau genommen handelt es sich jedoch um Leder von wildlebenden, aber noch häufig vorkommenden Tieren wie Hirsch, Reh, Elch oder Gemse. Echtes Wildleder ist auf dem Markt rar und entsprechend teuer. Während früher die Wildtiere in freier Natur gejagt wurden, werden inzwischen vorrangig die Häute von Gehegewild verwendet. Siehe auch Kapitel „Exotenleder“

Dieses Rindsleder ist grobnarbig. Foto: Ursula Bauer
Jacke aus Lammnappa. Foto: Ursula Bauer
Schuhe aus Veloursleder. Foto: Ursula Bauer
Lackiertes Ziegenleder. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Rothirsch im Gehege. Foto: Ursula Bauer

Die Rohhäute, zumindest für die europäische Lederindustrie, stammen zu fast 100% von Nutztieren, die zur Produktion von Fleisch, Milch oder Wolle gehalten werden. Trotzdem ist die Haut kein Abfallprodukt, welches sinnvollerweise mit verwertet wird. Vielmehr sind die Verarbeitung und Vermarktung der Haut als Leder und Lederprodukt wirtschaftlich gesehen mindestens genauso rentabel wie das Fleisch.

Da viel Rindfleisch gegessen wird, gibt es auch viel und relativ günstiges Rindsleder. Foto: Ursula Bauer
Lederproduktion ist ein lukrativer Wirtschaftszweig. Foto: Ursula Bauer

Von welchen Tieren stammen die Häute?

Im Grunde kann jede Tierhaut zu Leder verarbeitet werden.

Rindsleder

Die Haut eines erwachsenen Rindes ist im Durchschnitt 4 qm groß. Foto:Ursula Bauer

Fast 70% des weltweit hergestellten Leders stammt von Rindern und Büffeln. Die vorrangig aus Südamerika (v.a. Brasilien und Argentinien) und Asien kommenden Häute von Kühen, Ochsen, Stieren und Kälbern werden meist im Ursprungsland, aber auch in Spanien und Italien zu vielen verschiedenen Lederarten verarbeitet. Rindsleder ist strapazierfähig und findet unter anderem in der Möbel- und Autoindustrie sowie zur Herstellung robuster Kleidung wie Schuhen und Motorradkombis Verwendung.

Schafsleder

Schafsleder stammt zu fast 100% von Wollschafen. Foto: Ursula Bauer

Das Leder von Schafen und Lämmern steht an zweiter Stelle, macht jedoch nur etwa 10% der globalen Produktion aus. Lämmer sind per Definition junge Schafe im ersten Lebensjahr. In der Lederbranche wird die Bezeichnung „Lammleder“ jedoch meistens für alle Altersklassen, also auch für ältere Schafe verwendet. Das vergleichsweise hochpreisige Schafsleder wird in der Regel als Velours- oder Nappaleder zu leichten Hosen, Röcken, Kleidern und Jacken verarbeitet.

Ziegenleder

Altmodische Glacéhandschuhe aus Ziegenleder im Weißgerbermuseum DoberlugKirchhain. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer
rechts: Weiße Deutsche Edelziege, links: Anglo-Nubier-Ziege. Foto:© aktion tier, Ursula Bauer

Ziegenleder wird weltweit in einer mit dem Schafsleder vergleichbaren Menge hergestellt. Es ist robust, dabei aber leicht und geschmeidig. Es eignet sich als Veloursleder mit samtiger Oberfläche zum Beispiel zur Herstellung von Jacken, Hosen, Röcken und Handschuhen.

Schweinsleder

Pekari. Foto: I, Chrumps, CC BY-SA 3.0
Leder von Hausschweinen wird als Porkleder bezeichnet, hier ein Angler Sattler Schwein. Foto: Ursula Bauer

Schweinsleder macht nur etwa 6% der Weltproduktion aus. Es wird vorrangig aus der Haut von Hausschweinen hergestellt, welche die günstigste überhaupt ist. Aus diesem dicken, dabei aber elastischen und strapazierfähigen Leder wird vor allem Velours für preiswerte Bekleidung gefertigt.

Da man in Europa die Schweinehaut (Schwarte) fast immer zu Gelatine verarbeitet oder zerkleinert als Wurstzutat und an Schinken mitgegessen wird, kommt das meiste Schweinsleder aus dem Ausland.

Selten und daher eher im Luxusbereich angesiedelt sind Produkte aus Peccary-Leder. Das Peccary oder Pekari ist ein vorrangig in Südund Mittelamerika vorkommendes Wildschwein.

So viel Tierleid steckt in Leder

Massentierhaltung

Da die meisten Nutztiere in tierquälerischer Massentierhaltung leben müssen, haftet an ihren Häuten und dem daraus hergestellten Leder viel Leid. Betroffen sind vor allem Rinder und Schweine, aber auch immer mehr Ziegen und Schafen werden vor allem im Ausland intensiv gehalten, da die Nachfrage an Alternativen für Kuhmilch-Produkte steigt.

In der Intensivhaltung oft zu Tausenden in riesigen Stallanlagen zusammengepfercht und teilweise auch noch angebunden, gibt es für die Tiere keine Möglichkeit, artgemäße Verhaltensweisen und den natürlichen Bewegungsdrang auszuleben. Die technisierten Haltungsformen sind auf Kostenminimierung und Ertragsoptimierung ausgerichtet. Das Wohlergehen der Lebewesen spielt eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil, ihnen werden auch noch zusätzliche schmerzhafte Eingriffe wie Enthornung, Schwanzspitzenkürzen und betäubungslose Kastration zugemutet. Ein kurzes, leidvolles Leben also, welches durch den rücksichtslosen Transport zum Schlachthof und die eigentliche Tötung im Akkord dann auch noch ein qualvolles Ende findet.

Massentierhaltung gibt es auf der ganzen Welt. Zum Beispiel in China, wo unter anderem immer mehr gigantische Hochhäuser zur Haltung von Schweinen gebaut werden. In den größten dieser sogenannten Schweinehochhäuser können jährlich bis zu 150.000 Schweine „produziert“ werden. Dass diese Form der Tierhaltung nicht artgerecht sein kann, liegt auf der Hand.

Schweine im Schlachthof. Foto: Ursula Bauer
Schweine in der Intensivmast. Foto: Ursula Bauer
Mastbullen im engen, dunklen Stall. Foto: Ursula Bauer
Das Absägen der Hörner verursacht Stress und Schmerzen. Foto: aktion tier
Im chinesischen Bezirk Gangnan wird dieser riesige Schweinehochhaus-Komplex errichtet. Foto: Henk Riswick

Weitere negative Aspekte der Massentierhaltung

Neben dem Tierleid bringt die Massentierhaltung noch lebensmittelrechtliche, ökonomische und ökologische Probleme mit sich. So werden zum Beispiel durch Haltung, Transport und Verarbeitung enorme Mengen an Wasser und Energie verbraucht, und es entstehen beträchtliche, klimaschädliche Treibhausgasemissionen. Und in Brasilien, wo sehr viel Rindsleder erzeugt wird, dominiert zwar die extensive Weidehaltung. Dafür finden dort aber umfangreiche Rodungen im einzigartigen Amazonas- Regenwald statt, um mit immer mehr Tieren auf immer größeren Flächen immer mehr Fleisch und Häute zu produzieren.

Um Weideflächen für Rinder zu schaffen, wird immer mehr gerodet. Foto: AdobeStock/guentermanau

Billigleder aus Fernost

Vor allem in China, Indien und Bangladesch wird viel preisgünstiges Leder produziert und entweder als Rohware oder als fertiges Produkt exportiert. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es möglich ist, dass ein Paar Lederschuhe nur 20 Euro kosten? Indem auf Tiere, Menschen und Umwelt keine Rücksicht genommen wird!

Billiges Leder beginnt beim preiswerten Tier. In Bangladesch beispielsweise werden vorrangig Häute von indischen Rindern verarbeitet, da diese günstiger als die heimischen sind. Der Import erfolgt illegal, denn indische Rinder gelten offiziell als heilig. Das macht eine Schlachtung im Grunde unmöglich. In der Realität werden jedoch sowohl unerlaubt Schlachthäuser im Land betrieben als auch Millionen von Rindern über die Grenze ins Nachbarland Bangladesch geschmuggelt. Den in den Straßen Indiens eingesammelten oder Bauern für wenig Geld abgekauften Tieren werden extrem lange Transporte zugemutet, die sie zusammengepfercht in Lastwagen überstehen müssen. Viele kommen abgemagert, verletzt und erschöpft auf den Viehmärkten in Bangladesch an. Wenn sie sich vor Schmerzen nicht mehr rühren können, werden sie mit Schlägen oder Chilipulver, das in die Augen gerieben wird, zum Laufen gezwungen.

Die Schlachtung nicht nur von Rindern, sondern auch von Ziegen und Schafen erfolgt dann meist per Hand und unter schrecklichen hygienischen Bedingungen auf offener Straße oder in kleinen Hallen. In muslimischen Ländern wie Bangladesch verwehrt man den Tieren in der Regel auch die Betäubung, so dass der Kehlschnitt und das Ausbluten bei vollem Bewusstsein geschehen. In Videos ist zu sehen, wie teilwiese mit der Häutung begonnen wird, bevor der Tod eingetreten ist.

Lederschuhe sind oft spottbillig. Foto: Ursula Bauer
Vor allem die auf dem indischen Subkontinent typischen Zebu- oder Buckelrinder leiden für die Lederindustrie. © iStock / rvimages
Rindermarkt in Bangladesch. Foto: AdobeStock/Swapan

Exotenleder

Für diesen Begriff gibt es keine einheitliche Definition. Meistens werden Lederarten, die außergewöhnlich sind und in der Regel nicht aus Europa stammen, als Exotenleder bezeichnet. Dazu zählt unter anderem Schlangen-, Krokodil-, Känguru- und Straußenleder. Gefertigt werden daraus vor allem luxuriöse Accessoires wie Handtaschen und Gürtel, aber auch Kleidung wie Schuhe und Mäntel. Dafür werden zum Beispiel Reptilien in Farmen in Asien und Afrika unter schlechtesten Bedingungen gehalten. Damit die Haut weich, dünn und möglichst unversehrt bleibt, müssen die Tiere oft in völliger Dunkelheit dahinvegetieren, bis sie schließlich, manchmal sogar bei lebendigem Leid, auf grausamste Art gehäutet werden.

Auch wird ein hoher Prozentsatz der überwiegend streng geschützten Exoten illegal in der Natur gefangen und nicht, wie oft behauptet, in Farmen gezüchtet. Wildfänge sind für das weltweite Artensterben mitverantwortlich. Hinzu kommt, dass die meisten Tiere ausschließlich wegen ihrer Haut getötet werden und der Rest ihres Körpers weggeworfen wird.

Sehr begehrt – die Häute von Pythons. Foto: Ursula Bauer
Tasche aus Schlangenleder. Foto: Ursula Bauer
Aus Krokoleder werden meistens Gürtel und Handtaschen gefertigt. Foto: Ursula Bauer

Im Grunde ist auch Leder aus Fisch- oder Froschhaut, aus Kuhpansen oder Hühnerbeinen exotisch, da es vielen Menschen unbekannt und Produkte daraus selten zu sehen sind.

Hühnerbein-Leder. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Leder aus Straußenbein. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Leder und Schlüsselanhänger aus der Haut der Agar-Kröte. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Geldbörse aus Fischhaut (Lachsleder). Foto: aktion tier, Ursula Bauer

In Leder steckt nicht nur Tierleid

Problematisch ist bei der Lederherstellung unter anderem der sehr hohe Wasserverbrauch von ca. 500 Litern pro Quadratmeter Tierhaut. Außerdem werden in fast jedem Arbeitsschritt Chemikalien eingesetzt – bis zu 500 Gramm auf 1 kg Rohhaut – die alle mäßig bis extrem schädlich für Mensch und Umwelt sind. In Asien und Lateinamerika werden in der Regel Chromsalze verwendet, weil damit schnell und billig gegerbt werden kann. Bei falscher Anwendung können sich diese Chromsalze in hochgiftiges Chrom VI verwandeln. Viele Gerbereien entsorgen ihr mit Chrom und anderen Chemikalien belastetes Schmutzwasser und den gefährlichen Restmüll nicht ordnungsgemäß, so dass die Gefahrstoffen in die Umwelt, die Böden und Gewässer gelangen.

Anders als hierzulande gibt es im Ausland normalerweise keine nennenswerten gesetzlichen Vorgaben zum Tier- oder Umweltschutz, und die meisten lederproduzierenden Ländern sind auch nicht in der Lage, entsprechende Regelungen für Gerbereien durchzusetzen. Daher hat die mit der Lederproduktion verbundene Umweltverschmutzung globale Auswirkungen.

Ein Fläschchen mit Chromgerbstoff im Weißgerbermuseum Doberlug-Kirchhain. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Der tödliche Chemikalien-Cocktail aus Gerbereien wird in vielen Ländern einfach in die Bäche und Flüsse geleitet. Foto: AdobeStock/Vastram
Arbeiter in einer Gerberei in Fez (Marokko). Foto: AdobeStock/Philipus

Das Gerben von Tierhäuten ist seit jeher eine schmutzige, stinkende, gefährliche und knochenbrechende Angelegenheit. Gerbereien wurden schon im Mittelalter aus den Städten verbannt, und nur die Arbeiter mit ihren Familien wohnten notgedrungen in dem charakteristischen, alles durchdringenden Mief nach faulen Eiern und verwesendem Fleisch. Während in Europa schon früh diverse Maschinen zum Einsatz kamen, wird in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern noch heute so gegerbt wie vor Jahrhunderten.

Das führt natürlich zu zahlreichen gesundheitlichen Schäden. So soll unter anderem das giftige Chrom VI bei Menschen und Tieren das Erbgut verändern und das Krebsrisiko erhöhen. Niemanden kümmert es, dass die Lebenserwartung der armen Gerber, die Jahrzehnte in den giftigen Brühen stehen, um 20 Jahre niedriger ist als beim Rest der Bevölkerung. Außerdem sind die Löhne niedrig, und auch die Kinderarbeit ist in den Billigleder-Ländern weit verbreitet.

Fachgerecht angewendet ist die Gerbung mit Chromsalzen ungefährlich, da kein Chrom VI entsteht. Sie wird auch von einigen deutschen Gerbereien unter hohen Auflagen seit Jahrzehnten ohne Probleme praktiziert. Allerdings besteht auch hier die Gefahr, dass sich Chrom VI bildet, wenn chromgegerbtes Leder entsorgt und verbrannt wird.

Billigleder ist kein Naturprodukt

Ist Chrom VI erst einmal entstanden, verbleibt es dauerhaft im Leder und lässt sich natürlich auch in den fertigen Produkten nachweisen. Chrom VI-haltiges Leder stellt vor allem in hautnah getragener Kleidung wie Hosen, Schuhen und Handschuhen ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar. Außerdem sind viele der verwendeten Lederfarben gesundheits- und umweltschädlich, da sie zum Beispiel Schwermetalle enthalten. Vor allem das chemieverseuchte Billigleder ist definitiv kein Naturprodukt mehr! Es ist nicht biologisch abbaubar, sondern streng genommen Sondermüll.

Leder kann krank machen.
Leder kann krank machen. Foto: Ursula Bauer

Alles Bio mit Pflanzen?

Auf die Bezeichnungen Bio-, Öko- oder Ecoleder kann man sich leider nicht verlassen, da diese nicht geschützt sind und folglich von jedermann verwendet werden können. Die Begriffe werden meistens für pflanzlich gegerbtes Leder verwendet. Das kommt beim Kunden erst einmal gut an, da Pflanzen ja etwas Natürliches sind.

Dabei ist die sogenannte Lohgerbung weder umweltschonend noch schadstofffrei, da hierfür riesige Mengen an Früchten, Blättern, Schalen oder Hölzern benötigt werden. So sind zum Gerben einer einzigen Rinderhaut mindestens 30kg Rinde erforderlich. Außerdem müssen die verwendeten Pflanzenteile wie beispielsweise exotische Früchte, Rinden von Eiche oder Kastanie, Olivenblätter oder Rhabarberwurzeln erst einmal geerntet, aufbereitet und zur Gerberei transportiert werden, was bei der Ökobilanz berücksichtigt werden muss. Es entsteht auch viel mehr Gerbbrühe/Schmutzwasser als bei der Chromgerbung, so dass sich die negativen Aspekte bei beiden Gerbeverfahren in etwa die Waage halten. Allerdings ist pflanzlich gegerbtes Leder im Gegensatz zum chromgegerbten Leder wenigstens kompostierbar.

Eichenrinde enthält viel Gerbstoff (Tannin). Foto: Ursula Bauer
Auch die Blätter des Olivenbaums eignen sich zur Ledergerbung. Foto: Ursula Bauer

Keine Kennzeichnungspflicht

Gemäß der EU-Textilkennzeichnungsverordnung muss Kleidung, die teilweise oder ganz aus Materialien von Tieren besteht, mit dem Hinweis „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“ gekennzeichnet sein. Das war es dann aber auch schon. Die Information, dass es sich um Leder handelt, ist nicht zwingend vorgeschrieben! Das allgemein bekannte Symbol einer ausgebreiteten Tierhaut ist zwar in ganz unterschiedlichen Ausführungen häufig zu sehen, wird aber freiwillig angebracht, um den höheren Wert der Ware durch das echte Leder zu betonen.

Ausnahme Schuhe

Einzig bei Schuhen gibt es eine EU-Kennzeichnungspflicht für die verwendeten Materialien. Untergliedert, je nach Modell, in Schuhoberteil, Laufsohle sowie Futter und Innensohle. Bei diesem Schuh besteht das Obermaterial aus echtem Leder, das Innenfutter aus einer Kombination von Textilien/Leder und die Laufsohle aus „sonstigem Material“

Um eine bewusste Kaufentscheidung treffen zu können, müssten sämtliche Lederprodukte mit Angaben zu Tierart, Herkunftsland, Ort der Gerbung sowie zu den verwendeten Chemikalien, Gerb- und Farbstoffen versehen werden. Eine entsprechende gesetzliche Kennzeichnungspflicht wird zwar innerhalb der EU diskutiert, ist aber noch nicht in Sicht.

Wie erkenne ich echtes Leder? Foto: Ursula Bauer
Das Ledersymbol ist nicht geschuetzt und kann daher von den Herstellern unterschiedlich gestaltet werden. Foto: Ursula Bauer
Foto: Ursula Bauer

„Made in …“

Bedeutet lediglich, dass das Lederprodukt in diesem Land hergestellt wurde. Wo der Rohstoff herkommt, bleibt das Geheimnis des Herstellers. Auch wenn die Ware in Europa gefertigt wurde, kommt das verwendete Leder meistens aus Südamerika oder Asien. Natürlich können auch die Häute für Lederkleidung „Made in Germany“ aus allen Teilen der Welt stammen. Aus Kostengründen wird sogar Rohleder von deutschen Tieren ins Ausland geschickt und nach dem Gerben und Zurichten wieder importiert.

Lieber kein Leder

Exotenleder ist grundsätzlich aus den im gleichnamigen Kapitel genannten Gründen abzulehnen. Wem der Look gefällt, findet Kleidung aus Bio-Baumwolle mit Animal Print in allen erdenklichen Ausführungen.

Produkte aus Rinds-, Schaf-, Ziegen- oder Schweinsleder zu kaufen wäre vertretbar, wenn die Produktionskette lückenlos und nachvollziehbar belegt werden könnte. Denn nur, wenn die Häute von Bio-Weiderindern stammen, die Gerbung in Deutschland oder einem anderen EU-Land mit hohen Umweltschutzauflagen durchgeführt und die Fertigung unter fairen, menschenwürdigen Bedingungen erfolgt, kann man davon ausgehen, dass die negativen Auswirkungen für Tier, Umwelt und Mensch möglichst gering sind.

Es ist jedoch so gut wie unmöglich, die Entstehungskette vom fertigen Produkt bis zum einzelnen Tier zurückzuverfolgen. Man sieht den Waren in den allermeisten Fällen auch nicht an, aus welcher Tierhaut sie bestehen. In China sollen sogar Hunde- und Katzen speziell für die Ledergewinnung grausam gehalten oder von der Straße gefangen und getötet werden, da sie billiger sind als Rinder. Ein weiterer Grund, lieber kein Leder zu kaufen!

Baumwollpullover mit Animal Print „Schlange“. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Der Weg des Leders ist schwer zu verfolgen. Foto: aktion tier, Ursula Bauer

Leder-Alternativen

Alles, was wie Leder aussieht, aber nicht aus gegerbter Tierhaut besteht, wird als Kunstleder bezeichnet. Oft imitieren diese Materialien das Original perfekt und sind nur an der textilen Unterseite zu erkennen. Aber Achtung: Kunstleder ist nicht automatisch vegan. So wird zum Beispiel oft Leim zum Verkleben verwendet, der aus tierischen Abfällen hergestellt ist. Nur wenn `vegan´ am Produkt steht, ist es mit Sicherheit ohne tierische Bestandteile und somit ohne Tierleid.

Kunstleder aus synthetischen Materialien

Das meist sehr günstige und in der Regel aus verschiedenen Kunststoffen wie Polyurethan und Polyester hergestellte „Plastikleder“ wird unter Verwendung von Schwermetallen und Erdöl umweltschädlich produziert und kann aufgrund der vielen gefährlichen Zusatzstoffe nur schwer recycelt werden. Es verrottet nicht, sondern belastet als Mikro- oder Nanoplastik unsere Umwelt. Zudem kann es gesundheitsgefährdende Schadstoffe wie Weichmacher enthalten. Daher können wir dieses Kunstleder nicht empfehlen!

Sieht echt aus – Jacke aus Synthetik. Foto: Ursula Bauer
Mikro- und Nanoplastik ist schon überall – sogar in der Luft. Foto: Ursula Bauer

Piñatex aus Ananasfasern

Die spanische Designerin Dr. Carmen Hijosa hat das Material „Piñatex“ entwickelt, welches echtem Leder tatsächlich täuschend ähnlich ist. Es soll auch genauso strapazierfähig, geschmeidig und haltbar sein und könnte somit Tier-Leder im Prinzip in allen Sparten (Kleidung, Möbel, Accessoires etc.) ersetzen. Derzeit wird dieses Material von verschiedenen Labels vor allem zur Herstellung von Accessoires und Schuhen verwendet.

Piñatex besteht in erster Linie aus den Fasern von Ananasblättern, die bei der Ernte der Früchte anfallen. Es handelt sich also um eine sinnvolle Verwertung von landwirtschaftlichem Pflanzenabfall. Nichts wird zusätzlich angebaut, so dass Ressourcen wie Wasser, Düngeund Pflanzenschutzmittel eingespart werden. Die Ananasfasern für Piñatex stammen von Plantagen auf den Philippinen, wo sie direkt vor Ort aus den Blättern geschält, gereinigt und getrocknet werden. Bis dahin ist alles nachhaltig und natürlich. Dann werden die Fasern allerdings mit Chemikalien gegerbt und mit Epoxidharz, das aus Erdöl hergestellt wird, versiegelt. Damit ist Piñatex nicht mehr biologisch abbaubar. Dieser Lederersatz ist also im Moment noch nicht optimal, es wird aber bereits an einer Alternative ohne Erdölharz gearbeitet.

Ananaspflanze auf einer Plantage. Foto: Ursula Bauer
Die Blätter der Ananas besitzen extrem reißfeste Fasern. Foto: Ursula Bauer

Kork

Es gibt einen pflanzlichen Lederersatz, der aus der Rinde von Korkeichen (Quercus suber L.) hergestellt wird. Die Laubbäume bilden eine gut 3cm dicke Borke aus, die nach etwa 30 Jahren das erste Mal abgeschält werden kann, ohne dass es dem Baum schadet. Das ist wirklich einmalig, denn normalerweise sterben Bäume, wenn man ihre Rinde entfernt. Innerhalb von 8 bis 12 Jahren wächst die Korkrinde dann nach und kann erneut geerntet werden. Allgemein bekannte Kork-Produkte sind zum Beispiel Flaschenkorken, Bodenbeläge, Pinnwände und Untersetzer.

Für erstklassigen Korkstoff wird nur die mittlere Korkschicht verwendet. Die einzelnen kleinen Korkplatten werden zuerst mit einem natürlichen, veganen Klebstoff miteinander verklebt und anschließend in gleichmäßige, hauchfeine Platten zerschnitten. Diese bringt man dann auf ein meist aus Baumwolle und Polyester bestehendes Trägermaterial mit Hitze auf. Polyester ist angeblich erforderlich, damit eine stabile Verklebung mit dem Kork stattfinden kann. Dieser Plastikanteil ist ein kleiner Wermutstropfen, da das größtenteils nachhaltige Kork-Ersatzleder dadurch nicht vollständig biologisch abbaubar ist. Angesichts der vielen positiven Aspekte kann das jedoch, wie wir finden, akzeptiert werden. Kleidung ganz ohne Chemie ist das Ziel, welches schrittweise irgendwann erreicht wird.

Rinde der Korkeiche Außen- und Innenseite. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Rinde der Korkeiche Außen- und Innenseite. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Eine beerntete Korkeiche kann im Laufe ihres bis zu 200-jährigen Lebens mehrere hundert Kilogramm Kork liefern. Foto: AdobeStock/mmuenzl
Etwa 70% der Weltproduktion an Kork stammt aus Portugal, gefolgt von Spanien und Mexiko. Foto: © Ursula Bauer
Dieses Basecap aus Korkstoff soll sogar ausschließlich aus Baumwolle und Kork bestehen. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Nicht empfehlenswert – Täschchen mit Polyester-Futter und nur 60% Kork in der Oberschicht. Foto: Ursula Bauer

Korkstoff ist erstaunlich geschmeidig, dabei robust, reißfest, schmutzabweisend und pflegeleicht, sehr gut wasserabweisend und temperaturregulierend. Heutzutage werden haufenweise Taschen, Rücksäcke, Kissenbezüge, Schmuck, Brillenetuis und Dekoartikel aus dieser Lederalternative angeboten. Bei der Kleidung haben wir jedoch vorrangig Schuhe und Basecaps, aber nur sehr wenig Oberbekleidung mit Kork gefunden. Das wird sich jedoch bald ändern, entsprechende Kollektionen sollen schon geplant sein. Bis dahin kann man sich schon jetzt alle möglichen Kleidungsstücke selbst nähen, da Korkstoff in vielen Farben und Mustern als Meterware angeboten wird und sich hervorragend zum Nähen eignet.

Augen auf!

Billigen Korkstoff aus Asien sollte man besser nicht kaufen, da er meistens von schlechter Qualität ist und bei der Herstellung gefährliche Chemikalien verwendet wurden. Außerdem müssen immer auch die langen und daher umweltrelevanten Transportwege eines Produktes berücksichtigt werden. Greifen Sie lieber zu qualitativ hochwe rtigen und etwas teureren Korkprodukten, und achten Sie darauf, dass eventuell vorhandener Futterstoff aus Biobaumwolle besteht.

Korkeichenwälder erhalten!

Diese ganz speziellen Wälder sind nicht nur ein wertvolles Kulturerbe, sondern bieten auch einmalige Lebensräume für eine artenreiche und zum Teil sehr seltene Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem hat man herausgefunden, dass Korkeichen, die regelmäßig abgeerntet werden und dadurch eine immer dickere Korkschicht ausbilden, in dieser Rinde fünf mal mehr CO2 als jeder andere Baum binden können. Indem diese Bäume das gefährliche Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) in wertvollen Kork umwandeln, helfen sie uns im Kampf gegen die Klimakrise.

Leider ist die Nachfrage nach Kork eher rückläufig, da zum Beispiel Weinverschlüsse aus anderen Materialien gefertigt werden. So sind auf Dauer auch die großen Korkwälder in Portugal und Spanien in ihrem Fortbestand gefährdet. Durch den Kauf von Korkprodukten können wir alle dazu beitragen, die wertvollen Korkeichenwälder zu erhalten.

Es gibt sowohl natürliche als auch angepflanzte Korkeichenbestände. Foto: AdobeStock/Algecireño
In der dicken Korkrinde wird viel CO2 gespeichert. Foto: aktion tier, Ursula Bauer

Einschränkung ist der richtige Weg

Vom Tierleid und der Ausbeutung vom Menschen abgesehen, entwickelt sich die Modeindustrie ganz allgemein immer mehr zum massiven Umweltverschmutzer und Klimakiller. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir uns mäßigen, auf Fast Fashion verzichten und Wegwerf-Kleidung vermeiden.

Bitte wählen Sie in Zukunft bewusst hochwertige, umweltund tierfreundlich produzierte Kleidungsstücke aus vertrauenswürdigen, möglichst inländischen Quellen. Wer sich nicht selbst viele Jahren an diesen guten Stücken erfreuen möchte und regelmäßige Abwechslung braucht, kann die nachhaltigen Teile auf entsprechenden Börsen, auf Flohmärkten oder via Internet tauschen oder verkaufen. Auch das sogenannte Upcycling, bei dem aus alter Kleidung oder Resten neuwertige Dinge hergestellt werden, ist sinnvoll und nachhaltig.

Diese neuwertige Tasche wurde aus einer alten Wildlederjacke gefertigt. Foto: Ursula Bauer

Themenbroschüre "Leder"

Unsere Themenbroschüre "Leder" können Sie gerne kostenlos unter
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