Entsorgt wie Müll
Perverse Massentierhaltung
Rund 60 Kilogramm Fleisch verspeist der Durchschnittsdeutsche pro Jahr. Im Laufe seines Lebens verzehrt er mehr als 1.000 Tiere. Die allermeisten kommen aus Betrieben der Intensivtierhaltung. Nur 1-2% stammen aus biozertifizierter Aufzucht und Haltung; ohne Massentierhaltung wäre die ungezügelte Lust auf Fleisch schon aus Platzgründen nicht zu stillen.
Zum System der Massentierhaltung gehört es, dass die Anzahl der produzierenden Betriebe immer kleiner, die verbleibenden Standorte dafür immer größer werden. Tierhaltung und Landwirtschaft wurden und werden noch immer industrialisiert und automatisiert wie jeder andere Industriezweig auch: Je größer die Zahl der Tiere pro Fläche, je kleiner der zur Versorgung nötige Aufwand, desto größer wird der Profit. Ein einzelnes Tier hat oft einen Gegenwert von nur noch wenigen Euro oder gar Cent, doch der Gewinn wird über die Masse gemacht: Mehr als 19 Milliarden Hühner, 1,4 Milliarden Rinder und eine Milliarde Schweine werden weltweit gehalten. Rund 60 Millionen Schweine sterben jedes Jahr nur in Deutschland. Für Rücksicht auf das Individuum ist hier schon längst kein Platz mehr. Mit den artgemäßen Bedürfnissen der Tiere haben die Haltungsbedingungen nicht mehr viel zu tun, stattdessen werden die Tiere der Haltungsform angepasst. Sie werden krankgezüchtet und -gemästet, mit Medikamenten überversorgt, verstümmelt und misshandelt. Angesichts der riesigen Tierbestände ist es nicht verwunderlich, dass viele Tiere schon vor dem Mastende sterben – ein eingeplanter Verlust. Die Ausmaße allerdings sind schockierend. So wird geschätzt, dass etwa rund ein Drittel der in Deutschland geschlachteten Schweine direkt im Müll landet. Nur knapp die Hälfte jedes geschlachteten Tieres wird darüber hinaus überhaupt verarbeitet, und selbst das von Verbrauchern gekaufte Fleisch wird zum Teil wieder weggeworfen: Mehr als vier Kilogramm pro Kopf und Jahr wandern in den Müll.
Mit Essen spielt man nicht, Essen ist wertvoll – das wird uns eigentlich von Kindesbeinen an mit auf den Weg gegeben. Trotzdem ist die Wertschätzung nicht nur, aber besonders auffällig bei Fleisch auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Ein messbarer Beleg dafür sind die Preise und die Ausgaben für Fleisch, ein sichtbarer der Umgang mit den sogenannten Nutztieren. Tiere, die unter den Bedingungen der Mast zusammenbrechen und deren Körper einfach aufgeben, werden oft mitsamt ihrer bereits toten Artgenossen entsorgt. Zu den häufigsten Opfern zählen Hühner und Puten, deren Knochengerüst mit der enormen Gewichtszunahme innerhalb weniger Wochen nicht mithalten kann. Tiere, die sich nicht mehr bewegen können, vegetieren in fast jeder Maststallung vor sich hin, bis sie tot, noch lebendig oder irgendwo dazwischen, im Kadavereimer landen.
Lebende Tiere finden sich auch regelmäßig in den Kadavertonnen vor Schweinemastbetrieben – hier sind es sogenannte Kümmerlinge, Ferkel, die zu schwach sind, um an die Zitzen des Muttertieres zu gelangen. Tierschützer konnten dokumentieren, dass es gängige Praxis ist, die Schwächlinge mehr oder weniger sachkundig totzuschlagen und sie – ebenfalls ob tot oder schwerstverletzt und noch lebendig – in Eimern zu sammeln, in denen sie auf den Abtransport warten. Ein Tier so brutal zu behandeln, ist durch das Tierschutzgesetz verboten und wird bestraft. Gelangen solche Übergriffe durch Tierschützer jedoch an die Öffentlichkeit, werden sie abgestritten und als Fehlverhalten einzelner „schwarzer Schafe“ ababgetan. Leider muss angesichts der Dimensionen in der industriellen Tierhaltung aber davon ausgegangen werden, dass es sich in solchen Fällen keineswegs um Ausnahmen, sondern um gängige Praxis handelt. Das Leben eines einzelnen (auch noch verletzten) Tieres ist im System der Massentierhaltung schlicht den Aufwand und die Zeit nicht wert, mit ihm würdevoll umzugehen, es im Bedarfsfall zu betäuben und anschließend fachgerecht zu töten. Vielleicht ist auch dies ein Grund, weshalb Kadavertonnen vor den Mastanlagen in der Regel gut verschlossen und nicht zugänglich sind – sie zeigen eine hässliche, grausame und unverhüllte Seite der Massentierhaltung, die niemand zu Gesicht bekommen soll.