Neues Siegel ist umstritten
Mehr Tierwohl in den Ställen?
Die Forderungen nach Verschärfung von Vorschriften und Haltungsverordnungen reißen nicht ab, doch obwohl der Tierschutz seit 15 Jahren im Grundgesetz verankert ist, lässt die Umsetzung an vielen Stellen deutlich zu wünschen übrig. Daran möchte nun auch Bundesagrarminister Christian Schmidt etwas ändern. Doch statt auf strengere Gesetze setzt Schmidt auf freiwillige Selbstkontrolle. Sein geplantes „Tierwohl“-Siegel soll dem Preiskampf entgegentreten und die Qualität in den Mittelpunkt stellen. Zuerst soll das neue Siegel Schweinefleisch auszeichnen, später auch auf die Geflügelproduktion ausgeweitet werden. Die Standards sollen dabei deutlich über den gesetzlichen Mindestansprüchen und auch über den Anforderungen des gleichnamigen Tierwohl-Labels des Einzelhandels liegen. So sollen Schweine etwa bis zu rund einem Drittel mehr Platz zur Verfügung haben als bisher. Geplant ist die Etablierung des neuen Labels in zwei Qualitätsstufen: einer Eingangsund einer Premiumstufe. Vorbild hierfür sind die Niederlande, die ein dreistufiges Modell seit Jahren etabliert haben und Dänemark, wo die ersten ausgezeichneten Produkte noch dieses Jahr in den Handel kommen sollen.
Nach offiziellen Angaben des Ministeriums sollen sich die steigenden Anforderungen an die Haltung, Zucht und Schlachtung der Tiere mit etwa 20% Preisaufschlag im Handel auswirken. Ob Kunden wirklich bereit sind, diesen Preis auch zu zahlen, ist ungewiss. Denn während das gekennzeichnete „Tierschutzfleisch“ in den Niederlanden schon einen Marktanteil von fast 50% erreicht hat, rechnen Brancheninsider in Deutschland mit höchstens 20% für das neue Label. Zu groß ist das Angebot von billigem Fleisch, zu klein der Anreiz für die freiwillige Teilnahme, den das Tierwohl-Label für Landwirte bietet.
Kritiker werfen Schmidt vor allem vor, dass nach wie vor ungeklärt bleibt, was artgerechte Tierhaltung eigentlich bedeutet. Außerdem täuscht auch ein neues Label nicht darüber hinweg, dass das System der Massentierhaltung an sich schon auf einem Widerspruch zum tieroder artgerechten Leben beruht. Damit schafft auch ein weiteres Siegel im Dschungel der zahlreichen Label und Auszeichnungen nicht wirklich neue Orientierung, erst recht nicht im Rahmen staatlicher Autorität. Diese jedoch bleibt vor allem durch den freiwilligen Charakter auf der Strecke. Zwar würde eine verpflichtende Kennzeichnung eine europäische Mitwirkung voraussetzen, die Umsetzung würde sich dadurch aber wohl erheblich verzögern. Doch wäre ein stärkerer Einsatz des Bundesagrarministers im Sinne des Tierschutzes durchaus möglich und vor allem gemessen an seinen eigenen Ankündigungen zur Dringlichkeit von mehr Sicherheit und Glaubwürdigkeit in der Landwirtschaft und der Fleischproduktion sehr angebracht.
Die Zeit drängt
Ab 2018 soll mit der Markteinführung des Tierwohl-Labels begonnen werden, 2019 oder 2020 könnte das zertifizierte Fleisch dann in den Kühltheken auf Käufer warten. Allerdings hängt die Verwirklichung auch vom Ausgang der Bundestagswahl im Herbst ab – sollten sich die politischen Verhältnisse verändern, stellt sich die Situation in wenigen Monaten möglicherweise ganz anders dar als bisher.
Nach wie vor gilt jedoch: Die staatlichen Qualitätssiegel bleiben ebenso wie die Tierwohl- Initiative des Einzelhandels in ihren Anforderungen an Haltung und Aufzucht der Tiere hinter dem EUBiosiegel weit zurück. Dieses wird noch übertroffen von den Verbandsauszeichnungen wie Neuland oder Demeter. Wer jedoch mit Sicherheit davon ausgehen möchte, mit seinem Kauf Tierleid nicht zu unterstützen, der sollte auf Fleisch und tierische Produkte vollständig verzichten und lieber auf eine pflanzliche Ernährung mit ihren zahlreichen Alternativen umsteigen. Das Angebot und die Vielfalt – nicht nur in Bioläden, auch in Supermärkten und Discountern – ist so reichhaltig und lecker wie nie zuvor.