Pferdekutschen in Großstädten
Umstrittene Touristenattraktion
Oft sind sie schön geschmückt, und die Kutschfahrer in altmodischen Kostümen vermitteln einen Sprung in eine andere Zeit – sie stehen für Langsamkeit und Entschleunigung. Dabei geht diese Auszeit auf Kosten der Tiere, denn das ständige Stehen und Gehen im Stadtverkehr bedeutet für die Pferde puren Stress. Sie sind Lärm und Abgasen ausgesetzt. Die asphaltierten Straßen mögen ein optimaler Untergrund für die Gummireifen von Autos sein, nicht aber für die Hufe von Kutschpferden.
Seit vielen Jahren kämpfen Tierschützer daher für ein Verbot von Kutschen zumindest in den dicht befahrenen und bevölkerten Innenstädten Europas und der Welt.
Die Proteste werden dabei beflügelt von immer wiederkehrenden Katastrophenmel - dungen: Dehydrierte Tiere etwa, die insbesondere in der Sommerhitze zusammenbrechen und dann den Verkehr behindern, sind längst keine Einzelfälle mehr. Nicht nur die Tiere selbst sind aber die Leidtragenden, auch zu Personenschäden kommt es immer wieder. So sorgte ein Fall bei Köln für Aufsehen, wo nach dem Durchgehen zweier Pferde vor einem Planwagen 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden.
Auch in Berlin ist eine Protestwelle zu spüren. Tierschützer fordern ein Verbot, der Senat zeigt sich vor allem aufgrund ungeklärter Zuständigkeiten um Tierschutz und Straßenverkehr machtlos. Der Bezirk Mitte hatte im vergangenen Jahr einen Vorstoß gewagt und die Kutschen auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor verboten, nachdem sich SPD, Linke und Grüne im Koalitionsvertrag auf ein Kutschenverbot in der Innenstadt geeinigt hatten. Eine Petition, von 100.000 Menschen unterschrieben, unterstützte dieses Vorhaben. Doch im April klagte ein Fuhrunternehmen gegen das Verbot – und bekam vor dem Verwaltungsgericht Recht. Die angeführten Gründe, Bedenken aus Tierschutzsicht und zusätzliche Unfallgefahr für Fußgänger, seien unzureichend und nicht rechtmäßig. Zuvor hatte sich das Bezirksamt siegessicher gezeigt, doch teilte man nach dem Rechtsspruch mit, man würde keine weiteren Mittel geltend machen. Immerhin soll nun verstärkt kontrolliert werden, ob der Tierschutz genügend berücksichtigt wird.
Nach Angaben von Tierschutzorganisationen ist die Zahl der Unfälle mit Pferdekutschen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen; allein in Deutschland wurden mindestens 88 Personen verletzt.
Auf Mallorca gibt es jetzt einen Tierschutzdezernenten.
Auch im Ausland sorgen die Auseinandersetzungen um Pferdekutschen für heiße Gemüter. So sammelten Tierschützer in der mallorquinischen Hauptstadt Palma nach dem Zusammenbruch eines Pferdes mitten auf der Prachtmeile der Stadt mehr als 100.000 Unterschriften für ein Verbot der Fuhrwerke – offenbar mit hohen Erfolgsaussichten: Die neue Inselregierung hat nicht nur erstmalig einen Tierschutzdezernenten eingesetzt, sie hat auch weitgehende Kontrollen eingeführt. So soll nicht nur ausgeschlossen werden, dass kranke Tiere zum Einsatz kommen, auch die Arbeitszeit der Tiere wird nun überwacht. Hatten viele Tiere zuvor noch mehr als 10 Stunden täglich schuften müssen, ist nun eine Einsatzzeit von maximal acht Stunden pro Tag zulässig.
Die Haltung von Kutschpferden im Ausland wird meist nicht kontrolliert.
Ein großer Kritikpunkt im Ausland wie auch hierzulande ist zudem die Unterbringung der Tiere, die vor allem in Städten oft nicht artgerecht erfolgt. Pferde sind Fluchttiere, sie benötigen neben ständigem Zugang zu Wasser und Futter (was während des Kutschbetriebs meist nicht möglich ist) vor allem Platz. Immer wieder aber ist es Tierschützern in der Vergangenheit gelungen, Aufnahmen von Kutschpferden in ihren Ställen anzufertigen, wo sie teilweise in völliger Dunkelheit, manchmal zudem auch noch angebunden in sogenannter Ständerhaltung auf viel zu engem Raum stehen müssen und keine Möglichkeit haben, ihren nötigen Auslauf zu bekommen. Dass es angesichts solcher Verhältnisse regelmäßig zu Unfällen kommt, ist daher nach Meinung von Experten unausweichlich, ein Verbot dringend notwendig. Viele Städte haben bereits die Konsequenzen gezogen, etwa in Paris, London, aber auch Toronto oder sogar Peking sind Pferdefuhrwerke im Stadtverkehr nicht mehr gestattet.
Wir hoffen, dass auch Deutschland, welches sich den Tierschutzgedanken vor über zehn Jahren in die Verfassung geschrieben hat, seinem Anspruch bald nachkommt und Pferdekutschen endgültig aus den Großstädten verbannt.