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Videoüberwachung bringt nichts
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Videoüberwachung bringt nichts

Tierquälerei in Schlachthöfen

In dem Schlachthof in Oldenburg gab es viele Mängel. Unter anderem klappte die Betäubung der Tiere nicht immer reibungslos. Foto: Deutsches Tierschutzbüro e.V
Die Skandalmeldungen aus deutschen Schlachthöfen reißen nicht ab. Immer wieder gelingt es Tierschützern, schockierende Bilder und auch Videomaterial an die Öffentlichkeit zu bringen, die die schrecklichen Zustände schonungslos dokumentieren. Zwei besonders schwere Fälle sorgten im letzten Jahr für großes Aufsehen. In einem der größten deutschen Rinderschlachthöfe in Niedersachsen hatten Aktivisten versteckte Kameras installiert und über 600 Stunden Videomaterial erstellt und ausgewertet. Die dokumentierten Missstände waren so umfangreich und weitgehend, dass der Schlachthof seinen Betrieb einstellen musste.
Ein Bericht von Jan Peifer

Unter anderem hatten die Tierschützer festgehalten, dass die Richtlinien zur Betäubung der Tiere ebenso wenig eingehalten wurden wie etwa Hygienevorschriften; Rinder waren offensichtlich bei vollem Bewusstsein geschlachtet worden. Außerdem wurden die Tiere mit Elektroschockern unnötig gequält, auch verletzte Tiere wurden damit angetrieben.

Am schlimmsten jedoch war die Erkenntnis, dass auch Mitarbeiter der Veterinärbehörde (mutmaßlich Tierärzte) sich an den Misshandlungen beteiligten. Hiermit verletzten sie nicht nur ihre Aufsichtspflicht im Schlachthof, welche ihrer eigentlichen Funktion zugeordnet ist, sondern machten sich eindeutig auch strafbar. Obwohl der Schlachthof wegen diverser Verstöße den Behörden seit Jahren bekannt war, erfolgte die Schließung erst nach den Veröffentlichungen der Tierschützer sowie mehreren Strafanzeigen gegen Betreiber, Mitarbeiter und auch das Veterinäramt.

Der zweite Betrieb, der für viel Medienecho sorgte, ist ein ebenfalls niedersächsischer Schlachtbetrieb, der sich auf Schweine spezialisiert hat. Auch hier wurden Tieren gequält, bis zu 40 Mal hintereinander mussten einzelne Schweine auf dem Weg zur Schlachtung den Elektroschocker ertragen. Dieser Betrieb aber wies eine Besonderheit auf: Er verfügte bereits über eine Videoüberwachung, die ein solches Fehlverhalten verhindern soll und greift damit einen aktuellen Vorschlag der Politik auf. Doch sorgt er für kein gutes Beispiel, denn die Anlage wurde offensichtlich nicht genutzt.

Skandal: Hier schaut ein Amtsveterinär bei Tierquälerei zu und schreitet nichtein – die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Veterinäramt in Oldenburg. Foto: Deutsches Tierschutzbüro e.V

Die Einführung von verpflichtender Videoüberwachung ist umstritten, denn sie wirft viele Fragezeichen auf.

Die Umrüstung ist mit Investitionen verbunden. Auf die Forderung nach Investitionen aber reagiert die Fleischwirtschaft vom einzelnen Bauern bis zum Lobbyfunktionär immer schon allergisch. Mit Fleisch lässt sich nur noch in der Masse Geld verdienen. Geld für bessere Produktionsstandards oder Tierwohl auszugeben, wird dabei lieber vermieden – auch wenn die offizielle Begründung immer der Kunde ist, der für eine Erhöhung der Preise kein Verständnis habe. Auch der Aufwand solcher Umrüstungen und für den Betrieb der Anlagen wäre hoch, für den niedersächsischen Schlachthof offenbar zu hoch. Denn um eine sichere Überwachung zu gewährleisten, muss die Anlage nicht nur betriebsbereit sein, sondern auch alle Produktionsschritte im Schlachthof lückenlos abdecken, von der Entladung der Tiere über die Treibgänge bis hin zur Betäubung, Schlachtung und Zerlegung. Hierfür würde mehr Personal benötigt, gerade hier sparen viele Großbetriebe aber als erstes.

Insbesondere aber macht eine Videoüberwachung nur Sinn, wenn eine Kommunikation mit und ein Kontrolle durch die Behörden stattfindet, wenn Daten gespeichert und gesichtet werden. Eine Verfolgung von Straftaten, Ordnungswidrigkeiten und Verstößen findet oft nicht statt, weil niemand Verantwortung übernehmen möchte. Auch die Anzeigen von Tierschützern sind in der Regel nur erfolgreich, wenn sie wie im Fall des Rinderschlachthofs mit eindeutigen Beweisen einhergehen. Die verpflichtende Einführung einer flächendeckenden Videoüberwachung in Schlachthöfen gilt als sehr unwahrscheinlich, eine vollständige Sicherheit würde sie darüber hinaus nicht gewährleisten können. Und abgesehen davon kann auch die Videoüberwachung nicht verschleiern, worum es im Schlachthof geht: Tiere töten. Immer ist hier Leid und Schmerz im Spiel. Wer dieses Leid nicht unterstützen möchte, der sollte tierische Produkte auf dem Teller durch pflanzliche Alternativen austauschen. Nur mit einer sinkenden Nachfrage können wir Verbraucher erreichen, dass irgendwann weniger Tiere geschlachtet werden.