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TODschick – so viel Tierleid steckt in unserer Kleidung, WOLLE
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TODSCHICK – So viel Tierleid steckt in unserer Kleidung – Wolle

aktion tier Kampagne

© aktion tier, Ursula Bauer
Die meisten Menschen kaufen sich Kleidungsstücke und Accessoires, ohne groß darüber nachzudenken, woraus diese bestehen. Bei manchen steht ein möglichst niedriger Preis im Vordergrund, andere kaufen einfach, was ihnen gefällt oder gerade angesagt ist. Mit dieser Kampagne möchten wir über Kleidung aus Materialien tierischen Ursprungs informieren, für die unsere Mitgeschöpfe teilweise erheblich leiden müssen. Damit Sie Ihre Kaufentscheidungen in Zukunft bewusster treffen und eventuell auf Alternativen ausweichen.
Ein Bericht von Ursula Bauer,
Geschäftsstelle aktion tier Berlin

Streng genommen werden nur die Haare von Schafen als Wolle bezeichnet. Haarfasern von anderen Tieren wie Ziegen, Kaninchen oder Kamelen, die auch für Kleidung verwendet werden, heißen in der Textil-Fachsprache „Edelhaare“. Schafwolle, die durch Scheren gewonnen und zu Garn versponnen wird, besteht neben Wasser, Pigmenten, Mineralien und Fetten zu etwa 80% aus dem Faserprotein Keratin und hat zahlreiche gute Eigenschaften. So kann Wolle viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen, nimmt kaum Gerüche an, ist schmutzabweisend, atmungsaktiv und knittert nicht.

Aus Schafwolle wird vor allem durch Stricken, Weben, Filzen oder Walken eher robuste, wärmende Kleidung wie Mäntel, Mützen, Handschuhe und Socken hergestellt.

Der Begriff „Wolle“ wird auch für Garne (z.B. Strickwolle) und Gewebe (z.B. Wollpullover) verwendet. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer

Die Produzenten

Unsere Hausschafe stammen von Unterarten des Mufflons ab. Bereits vor über 10.000 Jahren sollen Menschen damit begonnen haben, diese Wildschafe zu halten und daraus zahlreiche Hausschaf-Rassen zu züchten. Schafwolle war früher zur Herstellung fast jeder Art von Bekleidung überaus wichtig. Daher wurden, neben Milchund Fleischrassen, vor allem auch Schafrassen mit möglichst üppigem Haarwuchs gezüchtet.

Das Haarkleid der wilden Mufflons besteht aus Deckhaar und Unterwolle und wird natürlicherweise im Frühjahr und im Herbst gewechselt. Bei unseren gezüchteten Wollschafen besteht das sogenannte Wollvlies vorrangig aus den weichen, dichten Haaren der ursprünglichen Unterwolle. Weggezüchtet wurde auch der jährliche Fellwechsel, so dass die Haare einfach immer weiterwachsen, wenn sie nicht geschoren werden.

Europäische Mufflons (Ovis orientalis musimon). Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
Hausschafe (Ovis gmelini aries) kurz vor der Schur. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
Wollvlies nach der Schur. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer

Schafwolle ist nicht gleich Schafwolle

Je nach Herkunft/ Gewinnung und Beschaffenheit gibt es für Schafwolle unterschiedliche Bezeichnungen.

Die Feinheit der Wolle ist für die Verwendung als Textilfaser entscheidend. Bild: © Ursula Bauer

Wollsorten nach Feinheitsgrad

Die Feinheit der Wolle ist zum einen von der Schafrasse und zum anderen von deren Haltung abhängig. Tiere, die in rauen Bergregionen vorrangig unter freiem Himmel leben, bilden zum Schutz vor Wind und Wetter ein gröberes Haarkleid aus als Schafe in südlichen Breiten mit gemäßigtem Klima. Daneben wirken sich aber auch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und Ernährung auf die Beschaffenheit der Wolle aus. Die Stärke der Schafhaare wird in Micron angegeben. 1 Micron ist ein tausendstel Millimeter. Ab etwa 27 Micron wird es kratzig. Alles, was darunter ist, kann für körpernah getragene Kleidung verwendet werden.

Merinowolle / Feinwolle (Faserfeinheit 14,5 - 23,5 Micron)

Diese feinste und weichste Schafwolle stammt vom Merinoschaf. Auch heute noch macht die für die Textilindustrie bedeutendste Merino-Wolle über 40% der weltweit produzierten Wollmenge aus. Haupterzeugerländer sind Australien (ca. 88%), Neuseeland (ca. 4%), Südafrika (ca. 4%) und Argentinien (ca. 4%).

Die Feinheit der Wolle von deutschen Merinoschafen (es gibt 3 verschiedene Zuchttypen) ist mit etwa 26-28 Micron deutlich gröber als die der australischen oder neuseeländischen Artgenossen. Das liegt am hiesigen, vergleichsweise raueren Klima. Aus deutscher Merinowolle wird daher nur selten eher derbe Kleidung, meistens aber Dämmmaterial oder Teppiche hergestellt. Somit ist nicht jede Wolle von Merinoschafen auch Feinwolle in Merinowoll-Qualität.

Australische Merinoschafe bei einem Zuchtwettbewerb. Bild: © Ursula Bauer
Extra feine Merino-Schafwolle. Bild: © Ursula Bauer

Crossbredwolle / Schlichtwolle (Faserfeinheit ca. 28 - 36 Micron)

Diese mittelfeine Wolle hat ihren Namen vom Erzeuger, dem Crossbred-Schaf, einer Kreuzung aus Merino- und Lincolnschaf. Daneben liefern aber auch andere Rassen wie das Coburger Fuchsschaf oder das Texelschaf Schlichtwolle. Diese wird vor allem zu strapazierfähigen Stoffen wie Tweed verarbeitet oder zum Filzen oder als Füllmaterial für Kissen und Decken verwendet. Haupterzeugerland ist Südamerika.

Coburger Fuchsschaf. Bild: © Ursula Bauer

Cheviotwolle / Grobwolle (Faserfeinheit ab ca. 37 Micron)

Diese rustikale Wolle wird zum Beispiel aus dem Deckhaar von Shetland-Schaf, Heidschnucke und Karakul-Schaf hergestellt. Für Kleidung ist sie zu derb und kratzig und wird daher meistens zur Herstellung von Heimtextilien oder als Füll- und Dämmmaterial verwendet. Haupterzeugerland ist Neuseeland.

Grobwoll-Schaf Heidschnucke.

Wollsorten nach Herkunft/ Gewinnung

Schurwolle

stammt von lebenden, gesunden Schafen, die ein- bis zweimal jährlich geschoren werden. Schurwolle darf zwar keine recycelte Altwolle, aber höchstens 0,3% nichtwollene Fasern enthalten. Als „Reine Schurwolle“, die höchste Qualität, dürfen nur Produkte bezeichnet werden, die zu 100% aus Schurwolle ohne jegliche Beimischung bestehen.

Sterblingswolle

wurde von natürlich verstorbenen Schafen geschoren.

Gerberwolle

wird in der Gerberei von geschlachteten Schafen im Rahmen der Lederherstellung chemisch oder mechanisch von den Schafhäuten gelöst.

Reißwolle

ist ein Recyclingprodukt, da sie aus wollenen Altkleidern und Textilabfällen gefertigt wird, die maschinell zerrissen und wieder neu gesponnen und gefärbt werden. Der Wollanteil von Reißwolle ist nicht messbar. Außerdem enthält sie in der Regel auch Synthetikfasern

So wird Schurwolle gewonnen. © aktion tier, Ursula Bauer
Alte Schafschere – heute werden vorrangig elektrische Schermaschinen verwendet. © aktion tier, Ursula Bauer

Auf dem Etikett steht nur „Wolle“

Gemäß Textilkennzeichnungsgesetz (TKG) steht dieser Begriff für Haarfasern von Schafen, denen Tierhaare von bis zu 12 anderen Arten wie von Alpakas, Lamas oder Kamelen gemischt sein können. Ob diese „Wolle“ aus Haaren von toten oder lebendigen Tieren oder aus recycelter Altwolle besteht, erfährt der Konsument nicht. Der Zusatz „rein“ ist auch kein Qualitätsmerkmal, sondern bedeutet nur, dass ausschließlich Schafwolle verwendet wurde.

Wie aus Wolle Wolle wird

Traditionelle Verarbeitung

Vorrangig Hobby-Schafhalter und wollbegeisterte „Selbermacher“ verarbeiten Rohwolle auf diese, früher allgemein übliche Weise.

1. WASCHEN:
Die Rohwolle wird in lauwarmem Seifenwasser gewaschen, gründlich ausspült und an der frischen Luft getrocknet. Bild: © Ursula Bauer
2. FÄRBEN:
Gefärbt wird meist mit Auszügen aus Pflanzenteilen wie Avocadokerne, Brennnessel, Zwiebelschalen, Goldrute und Rainfarn. Bild: © Ursula Bauer
3. KARDIEREN/KÄMMEN:
Vor dem Spinnen müssen die durcheinander liegenden Wollfasern schön gerade ausgerichtet werden. Dazu wird die Wolle mit handbetriebenen Kardiermaschinen oder Handkarden gebürstet. Bild: © Ursula Bauer
4. SPINNEN:
Jetzt können die kardierten Wollfasern mit einemSpinnrad zu Garn versponnen werden. Bild: © Ursula Bauer
5. GARNVERARBEITUNG:
Das Weben ist neben Stricken eine wichtige Form der Garnverarbeitung! Bild: © Ursula Bauer
5. GARNVERARBEITUNG:
Mit dem fertigen Wollgarn kann zum Beispiel durch Weben, Stricken oder Häkeln Kleidung hergestellt werden. Bild: © Ursula Bauer

Industrielle Verarbeitung

Die traditionelle Verarbeitung der Schafhaare in Handarbeit ist sehr arbeitsintensiv. Große Mengen an Wollgarn können so nicht produziert werden. Dafür braucht es Technik. Wie bei der traditionellen Wollverarbeitung wird auch in der Massenfabrikation gewaschen, kardiert, gefärbt, gesponnen und gewebt. Nur mit modernen, elektronisch gesteuerten Maschinen. Außerdem werden die einzelnen Arbeitsschritte in der Regel in spezialisierten Fabriken an verschiedenen Orten durchgeführt.

1. WASCHEN:
In industriellen WollWaschmaschinen wird die mit Kot, Urin, Pflanzenteilen und Erde verunreinigte Rohwolle gereinigt und entfettet (Gewinnung von Lanolin). Bild: © Ursula Bauer
2. KARDIEREN/KÄMMEN
Die saubere, aber ungeordnete Rohwolle kommt in eine Maschine, die Krempelwolf genannt wird. Darin werdenmittels Hakenwalzen die Fasern aufgelockert und in kleine Flocken zerrissen. Bild: © Ursula Bauer
2. KARDIEREN/KÄMMEN
Danach wird das Ganze kardiert (also gekämmt oder gekrempelt) und die nun gleichgerichteten Wolleflocken zu einem lockeren Vlies zusammengefügt. Bild: © Ursula Bauer
3. SPINNEN:
In der Spinnerei werden die Wollfasern des Wollvlieses auseinandergezogen,verdreht und aufgespult. Bild: © Ursula Bauer
3. SPINNEN:
Das Produkt beim Spinnen istauf Spulen aufgerolltes Garn, das zum Beispiel zu Stoff verwebt werden kann. Bild: © Ursula Bauer
4. GARNVERARBEITUNG:
Kettfäden in einer Webmaschine. Bild: © Ursula Bauer
4. GARNVERARBEITUNG:
Industrie-Webstuhl von 1955, Museum Tuchfabrik Crimmitschau. Bild: © Ursula Bauer
4. GARNVERARBEITUNG:
Dann wird noch einmal gewaschen und bei Bedarf veredelt und imprägniert. Bild: © Ursula Bauer
5. FÄRBEN:
Bei der industriellen Verarbeitung färbt man entweder die Flockenwolle, das gesponnene Garn oder den Stoff. Bild: © Ursula Bauer

Tierleid in Schafwolle

Unnaturlicher Haarwuchs

Das angezüchtete, ständige Haarwachstum ist für die Schafe lästig. Mit der immer schwerer werdenden Wollmasse wachsen auch die Probleme. Im Sommer verhindert das dicke Vlies die Luftzirkulation, so dass ein Hitzestau droht. Die Tiere schwitzen und können sich zunehmend schlechter bewegen. Außerdem beginnen die Haare zu verkleben und zu verfilzen. Parasiten wie Milben und Zecken verursachen starken Juckreiz, der nicht gestillt werden kann. Wie soll sich ein Schaf auch durch eine bis zu 20cm dicke Wollmasse hindurch kratzen?

Normale“ Merino-Feinwollschafe produzieren pro Jahr zwischen 2 und 5 kg Wolle. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
Den besonders überzüchteten Merinoschafe wachsen jährlich bis zu 12 kg Wolle. Bild: © AdobeStock_169169
Je nach Rasse wächst die Wolle jährlich um bis zu 20 cm. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
Ungeschorene und verwahrloste Schafe aus einem Tierschutzfall. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer

Damit das Leben als Wollschaf nicht unerträglich wird, müssen die Tiere, je nach Rasse, ein- bis zweimal jährlich von ihrer Matte befreit werden. In Ländern, in denen die Wollproduktion ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, wird in der Regel pünktlich „geerntet“ und gewinnbringend verkauft. Hierzulande, wo das Fleisch wichtiger ist als die Wolle, musste sogar ein Gesetz her, wonach die erwachsenen Exemplare aller Wollschafrassen einschließlich Moorund Heidschnucken mindestens einmal im Jahr bis Ende Juli vollständig zu scheren sind. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Schafzüchter das Geld für den Scherer sparen wollen. Die hiesige Rohwolle findet leider kaum noch Abnehmer, da die verarbeitende Industrie lieber Material aus Australien, China oder Neuseeland importiert. Den leidenden Tieren wird dann oft erst geholfen, wenn Vereine wie aktion tier die Quälerei aufdecken und Anzeige erstatten.

Hinzu kommt, dass die Schafe, quasi eingehüllt in einen dicken „Wollmantel“, zum Scherer kommen und ca. 15 Minuten später so gut wie nackt sind. Bis Wolle nachgewachsen ist, sind sie ziemlich schutzlos. Ist kein warmer Stall vorhanden, können sie sich bei plötzlichen Kälteeinbrüchen stark erkälten oder sogar erfrieren.

Heidschnucke vor ... Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
... während ... Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
... und nach der Schur. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer

Die Schur

Obwohl nötig, ist die Schur eine stressige Angelegenheit. Schafe sind Herdentiere. Dass sie zum Scheren von ihren Artgenossen getrennt werden, versetzt sie in Unruhe. Außerdem mögen es diese Fluchttiere gar nicht, wenn man sie packt und auf den Hintern setzt. Das ist die übliche Position zu Beginn der Schur. Wenn hier der Umgang nicht ruhig und zugewandt ist, geraten die Tiere leicht in Panik.

Bei den überzüchteten Merinos in Australien und Neuseeland gibt es zum Scheren nur ein relativ kurzes Zeitfenster im Frühjahr, währenddessen alle Tiere geschafft werden müssen. Es darf nicht mehr so kalt sein, dass die nackten Schafe erfrieren, und noch nicht so warm, dass sie in ihrem dicken Wollvlies den Hitzetod erleiden. Daher müssen die Scherer im Akkord arbeiten. Dieser Stress wird an die Tiere weitergegeben. Sie werden getreten und geschlagen und mit Gewalt auf den Boden gepresst. Teilweise knien oder stellen sich die Scherer auf die Körper, um sie zu fixieren. Kleine Schnittverletzungen kommen auch bei einer rücksichtsvollen Schur vor. Beim Akkordscheren werden jedoch tiefe Schnitte und sogar Wunden, die primitiv mit Nadel und Faden genäht werden, als normal und unumgänglich angesehen. Kein Wunder, dass viele Schafe bei der Tortur an Herzversagen sterben.

Aber nicht nur in den großen Wollnationen Australien, Neuseeland und China wird wenig Rücksicht genommen. Auch von großen Schaffarmen, zum Beispiel in England, ist bekannt, dass beim Scheren Tempo auf Kosten der Tiere gemacht wird.

 

Profi-Scherer Schmidt nimmt sich Zeit und schert die Schafe sanft und rücksichtsvol. Bild: © Ursula Bauer
Wenn es schnell gehen muss, bleibt das Tierwohl auf der Strecke. Bild: © Ursula Bauer

Mulesing

Vorrangig in Australien und Neuseeland wurden den Merinoschafen im Laufe der Zeit immer ausladendere, unnatürliche Hautfalten angezüchtet. Ziel war, mehr Wolle zu gewinnen, und eine größere Hautoberfläche bedeutet mehr Haare.

Das macht die Schafe aber auch anfälliger für Parasiten und Bakterien, die sich in den warmen, unbelüfteten Falten sehr wohl fühlen. Besonders schlimm ist die aus Südafrika eingeschleppte Schmeißfliege Lucilia cuprina, die ihre Eier bevorzugt in der mit Kot und Urin verunreinigten After- und Genitalregion ablegt. Aus den Eiern schlüpfen Maden, die sich in die Haut des Merinos bohren und deren Gewebe fressen. Das führt zu Entzündungen, Geschwüren, Schmerzen und starkem Juckreiz.

Um diesem Madenbefall entgegenzuwirken, erfand der Australier John W. H. Mules in den 1930er Jahren das nach ihm benannte „Mulesing“. Dabei werden die Lämmer in einem Metallgestell auf dem Rücken liegend fixiert. Dann schneidet man ihnen die Hautfalten um Schwanz, After und Genitalien herum ab, da auf dem anschließend glatten, wenig behaarten und gut belüfteten Areal seltener Fliegeneier abgelegt werden.

Mulesing ist ein brutaler, äußerst schmerzhafter chirurgischer Eingriff – ohne Betäubung. Und meist auch ohne medizinische Nachsorge. Ein wenige Stunden wirkendes Schmerzmittel muss genügen. Alles andere wird als zu zeitund kostenintensiv angesehen. Nur magere 10% der australischen Schafzüchter sollen inzwischen freiwillig auf Mulesing verzichten. Merinowolle aus diesem Land ist also ziemlich wahrscheinlich blutbefleckt.

In Neuseeland und Südafrika dürfen Schafe per Gesetz nicht gemulest werden, und es bleibt zu hoffen, dass sich auch alle Farmer daranhalten. Argentinische Merinowolle gilt als mulesing-frei, da im kühl-trockenen Klima Patagoniens die Gefahr des Schmeißfliegen-Befalls äußerst gering ist.

Diese alte Fotografie zeigt, dass in Australien schon früh mit der Qualzucht von Merinos begonnen wurde. Bild:Sam Hood, Public domain, via Wikimedia Commons / Lizenz: Public domain
Schmeißfliege Lucilia cuprina. Bild: original RK by Claudia Brefeld pixelio.de.
So sieht das Hinterteil eines gemulesten Schafs aus, wenn die Wunden verheilt sind. Bild: © Mulesing Russotwins Alamy Stock Photo

Lebendtiertransporte

Wenn der Haarwuchs mit zunehmendem Alter allmählich nachlässt, werden die australischen Wollschafe meist nach Kuwait, Katar oder in die Türkei verkauft. Sie treten die Reise in riesigen Schiffen an. Oft sind bis zu 60.000 Tiere an Bord. In Videos sieht man die Schafe dicht an dicht in ihren Exkrementen stehen und verzweifelt nach Luft hecheln. Teilweise verenden bei diesen Horrortrips wesentlich mehr als die „gesetzlich erlaubte“ Sterberate von 2% (1.200 bei 60.000 Tieren). Teilweise wird die gesamte Ladung auf hoher See ins Meer geworfen, weil so viele Tiere verendet sind, dass sich die Weiterfahrt nicht lohnt. Auf die Überlebenden wartet dann am Ziel nur der Tod durch Schlachtung, die in muslimischen Ländern auch noch ohne vorherige Betäubung erfolgt.

Neuseeland ist in Sachen Tierwohl fortschrittlicher. Bereits seit 2007 dürfen per Schiff keine zum Schlachten vorgesehenen Schafe und Rinder, sondern nur noch Zuchttiere exportiert werden. Ab 2023 soll das Verbot dann für sämtliche landwirtschaftliche Nutztiere gelten.

Schafe werden für einen Lebendtransport verladen. Bild: Jo-Anne McArthur - Lizenz Unsplash

In Schafwolle steckt nicht nur Tierleid

Große Tierbestände

Riesige Schafherden mit bis zu 10.000 Tieren tragen zu Umweltproblemen wie Klimaerwärmung und Nitrateintrag in Gewässer und Böden bei. Sie produzieren klimaschädliches Methangas und fressen bei zu hohem Tierbesatz die Weiden kahl. Durch Wind und Regen wird der lose Boden abgetragen, und die Versteppung beginnt.

In Australien leben über 100 Millionen Merinoschafe. Bild: Bernard Spragg via Wikimedia Commons

Lange Transportwege

Der Weg der konventionellen Wollkleidung ist lang und weder energie- noch umweltschonend. So kann zum Beispiel die Wolle in Australien vom Schaf geschoren, in China gewaschen und veredelt, in Italien kardiert und gesponnen, in Indien gefärbt und in Taiwan zu Stoff verwoben worden sein. In Bangladesch näht man daraus Kleidung, die dann per Schiff nach Europa zum Verkauf gebracht wird.

Einsatz von Chemie

Die herkömmliche Wollindustrie kommt nicht ohne Chemie aus. Das fängt beim Waschen der Rohwolle mit Tensiden (waschaktive Substanzen) an. Danach wird häufig karbonisiert. Bei diesem Verfahren zur Säuberung wird die Wolle mit verdünnter Säure behandelt und danach erhitzt. Dabei verkohlen die noch vorhandenen Pflanzenrückstände, zerfallen und können ausgepustet werden. Auch beim Beizen und Bleichen als Vorbereitung zum Färben werden chemische Substanzen wie Chlor eingesetzt. Das Färben mit den giftigen Salzen von Chrom, Kupfer und Zinn selbst ist ebenso problematisch wie die Veredelung. Naturbelassene Wollstoffe können verfilzen oder Knötchen bilden (pilling) und dürfen nur sanft bei sehr niedrigen Temperaturen von Hand gewaschen werden. Das Veredelungsverfahren „superwash“ soll da Abhilfe schaffen. Dabei entfernt man die abstehenden Schüppchen an den Wollfasern meist mit Chlor. Anschließend werden die Fasern mit Polyamid-Epichlorhydrinharz umhüllt. Durch dieses chemische „Imprägniermittel“ wird alles glatt und kann nicht mehr eingehen.

Die bei den einzelnen Produktionsschritten anfallenden toxischen Rückstande sind eine große Gefahr für die Umwelt. Während in der EU hohe Auflagen erfüllt werden müssen, gibt es in Ländern wie China, Indien, Bangladesch und Taiwan keine entsprechenden Vorgaben zu Umweltschutzmaßnahmen. Umweltfreundliche Produktionsverfahren und Kläranlagen zur Abwasserreinigung sind in diesen Ländern eher die Ausnahme

Die umweltschädliche superwash-Behandlung erkennt man am Etikett. Bild: © Ursula Bauer
Pro Kilogramm Wolle sollen bis zu 17 Liter zum Teil stark belastetes Abwasser anfallen. Bild: © original RKB by Joujou pixelio.de

Pestizide gegen Ungeziefer

Wollschafe werden gerne von Parasiten wie Läusen, Haarlingen und Lausfliegen befallen, die im Schutz des dicken Haarkleides Blut saugen und heftigen Juckreiz auslösen. Zur Vorbeugung werden die Tiere in Pestizid-Bäder getaucht oder damit besprüht. Die giftigen Schädlingsbekämpfungsmittel lösen sich später beim Auswaschen der geschorenen Wollvliese. Die Wolle ist dann weitgehend schadstofffrei. Belastet sind jedoch die Abwässer der industriellen Wollwäschereien, die vor allem in Entwicklungsund Schwellenländern oft ungeklärt in die Oberflächengewässer abgeleitet werden.

Zecken. Bild: © Ursula Bauer

Unsere Empfehlung

Im Grunde gibt es keine komplett tierleidfreie Schafwolle. Die Beeinträchtigungen durch das unnatürliche Haarwachstum lassen sich nicht wegdiskutieren, und kein Schaf der Welt freut sich, wenn es geschoren wird. Alternativ kann man verschiedene pflanzenbasierte Kleidung ganz ohne Tier zum Beispiel aus Hanf, Leinen oder Baumwolle kaufen. Hier sollten die Rohstoffe aber unbedingt aus biologischem Anbau innerhalb der EU stammen.

Auf der anderen Seite hat die Wolle dieser friedfertigen und liebenswerten Tiere auch viele gute Eigenschaften, ist „nachwachsend“ und umweltfreundlich. Wollkleidung muss nicht oft gewaschen werden, meist genügt lüften. Das spart Strom, Wasser und Waschmittel. Wollstoffe enthalten auch kein umweltschädliches Plastik und sind, wenn es sich um gute Qualität aus verlässlichen Quellen handelt, sehr langlebig und zu 100% biologisch abbaubar.

 

Kleidungsstück aus 100% Bio – transparent dargestellt und Baumwolle (Organic Cotton), fair gehandelt und GOTS zertifiziert.
Die Kapselfrüchte der Baumwolle enthalten lange, weiche Fasern.

Nein zu billiger Importware!

Sie möchten nicht auf Wolle verzichten, aber bewusst mulesing-freie, gesunde und umweltschonend hergestellte Produkte kaufen, ohne damit die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den großen, textilverarbeitenden Ländern wie China, Taiwan, Indien und Bangladesch zu unterstützen? Dann lassen Sie zunächst einmal billige, dünn gewebte Importware links liegen!

Selber machen

Wer selber strickt, webt oder häkelt, hat schon mal einen Teil der Produktionskette mit all ihren Ungewissheiten vermieden. Und wenn es dann noch Strickwolle von einem DemeterHof ist, kann man sicher sein, dass die Schafe nicht nur art-, sondern sogar wesensgemäß gehalten werden. Denn der Bioverband Demeter steht für Öko-Landbau mit strengsten Vorgaben.

Kritisch prüfen

Halten Sie Ausschau nach Herstellern, deren Unternehmenskultur Tierwohl, Umweltschutz und faire Arbeitsbedingungen beinhalten. Die Produktionsketten müssen transparent dargestellt und nachvollziehbar sein, der schonende Umgang mit Ressourcen und Energie ist Pflicht. Zertifikate wie das GOTS-Siegel sind eine Orientierungshilfe, und natürlich sollte der Rohstoff aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) stammen. Hinzu kommt die sorgsame und hochwertige Verarbeitung der Wolle. Das alles hat natürlich seinen Preis, aber nur solch langlebige Qualitätsprodukte sind auch wirklich nachhaltig.

Billige Importware. Bild: © Ursula Bauer
Demeter-Strickwolle. Bild: © aktion tier, Ursula Bauer
Hochwertiger, nachhaltig produzierter und GOTS-zertifizierter Wollpullover aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Bild: © Ursula Bauer

Was bedeutet kbT

Die kontrolliert biologische Tierhaltung (kbT) muss mindestens den gesetzlichen Anforderungen der EU für Bio-, oder Öko-Landbau entsprechen. Diese Basis-Bio-Tierhaltung wird kontrolliert und ist auf jeden Fall tierfreundlicher als die in der herkömmlichen Landwirtschaft. Verschiedene Bio-Anbauverbände wie Bioland, Naturland und vor allem Demeter stellen an die Landwirte hinsichtlich des Tierwohls jedoch höhere Anforderungen, die über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Zum Beispiel verbietet Demeter bei Schafen schmerzhafte Eingriffe wie das Enthornen und Kupieren der Schwänze. Das Kürzel kbT allein sagt noch nichts darüber aus, ob es sich um die Basis- oder die Premium-Ökohaltung handelt. Hier muss man zusätzlich auf das Siegel der anspruchsvollen Anbauverbände achten.

Wolliges aus Deutschland!

Versuchen Sie es einmal mit Wollkleidung, die zu fast 100% in Deutschland hergestellt wurde. Leider gibt es hierzulande keine einzige Wollwäscherei mehr. Daher muss Rohwolle in nennenswerten Mengen zum Waschen ins Ausland, zum Beispiel nach Belgien oder Portugal, gebracht werden. Alle anderen Produktionsschritte sind dann jedoch wieder in Deutschland möglich. So kann die saubere Wolle zum Beispiel in der Lausitz kardiert und gesponnen werden. Das Verweben des Garns zu Stoffen geht in einer der knapp hundert Webereien, und auch das Zuschneiden und Vernähen zu Kleidungsstücken ist kein Problem. Dafür gibt es hierzulande sowohl industrielle Nähereien als auch kleine Manufakturen, die vieles in Handarbeit leisten.

Es gibt eine Reihe von Herstellern wie Nordwolle Rügen oder die Schäfereigenossenschaft Finkhof, die nachhaltige Kleidung aus Wolle von Schafen aus der Region anbieten, die artgerecht gehalten und umsichtig geschoren wurden. Die auf umweltfreundliche Produktionsverfahren achten und zumindest teilweise mit Naturfarben färben.

Artgerecht gehaltene Schafe. Bild: © Ursula Bauer
Bioschafe in Mecklenburg. Bild: © Ursula Bauer

Themenbroschüre "Wolle"

Neben den bereits veröffentlichten Themenbroschüren „Seide“ und „Leder“ können Sie auch die aktuelle Publikation „Wolle“ zur Kampagne TODSCHICK kostenlos unter 030-301116230 bestellen oder hier herunterladen.

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