Biber, Habichtskauz, Luchs und Fischadler
aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen, Niedersachsen
Ein am 26.06.2023 bei Boffzen im Landkreis Holzminden bei einem Verkehrsunfall verletzter Biber konnte nach Behandlung und Rehabilitation in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen an der Weser wieder ausgewildert werden. Kurzfristig wurde der Biber im Wildpark Neuhaus untergebracht, hat dort aber nicht gefressen und sich auffällig apathisch verhalten. Deswegen habe ich den Biber dort abgeholt und zu uns in die Wildtierstation gebracht. Dort konnte unter Narkose und mittels Röntgen festgestellt werden, dass der Biber ein Schädeltrauma, abgebrochene Schneidezähne und eine Beckenverletzung hatte.
Besonders schwer wiegte, dass die oberen Schneidezähne bis auf das Zahnfleisch abgebrochen waren, was dem Biber eine normale Nahrungsaufnahme unmöglich machte. Nach Gabe von Schmerzmitteln gegen die Kopfschmerzen konnte der Biber mit geriebenen Möhren und Äpfeln zur Futteraufnahme bewegt werden. Bei mehreren Kontrollen unter Narkose konnten die rasch nachwachsenden Schneidezähne durch die Stationstierärzte Karolin Schütte und mir korrigiert und in Form geschliffen werden. Innerhalb von vier Wochen hat der Biber sich so gut erholt, dass er am Ufer der Weser wieder ausgewildert werden konnte.


Wildtierstation beteiligt sich an der Wiederansiedlung des Habichtskauzes
Noch im 19. Jahrhundert brütete der Habichtskauz (Strix uralensis) im Bayerischen-, Böhmer- und Oberpfälzer Wald. Der letzte Habichtskauz in Mitteleuropa wurde mutmaßlich um 1926 bei Sušice im Böhmerwald abgeschossen. Vorkommen in Deutschland sind aktuell nur aus dem Bayerischen Wald bekannt. Der Ornithologe W. Scherzinger berichtete im Jahr 1992 von einem Brutplatz in einer hohlen Eiche im Fichtelgebirge. In dem Artikel nennt er auch weitere einzelne ältere Sichtbeobachtungen aus Nordbayern

Seit diesem Sommer beherbergt auch die Wildtier- und Artenschutzstation ein Paar dieser seltenen und faszinierenden Eulenart und hofft, dass diese im nächsten Jahr zur Brut schreiten. Die Jungvögel werden dann dem Verein für Landschaftspflege, Artenschutz & Biodiversität e.V. (VLAB), der federführend die Wiederansiedlung in Nordbayern durchführt, zur Auswilderung zur Verfügung gestellt.
Ziele des Projektes sind u.a. die:
- Etablierung einer Habichtskauz-Population in den Wäldern des nordostbayerischen und nordwestböhmischen Grundgebirges.
- Verbesserung der für den Habichtskauz typischen Waldstrukturen mit positiven Synergieeffekten für zahlreiche Artengruppen aus dem Pflanzen-, Tier- und Pilzreich, die Vernetzung mit der räumlich und genetisch isolierten Habichtskauz-Population des bayerisch-böhmischen Waldes im Südosten.
- Monitoring der Brutkästen, Brutreviere und Streifgebiete durch „Verhören“, Sichtbeobachtungen und durch Gewölle- und Federfunde und mit Hilfe der Telemetrie einzelner Habichtskäuze.
Der Habichtskauz ist mit einer Größe von rund 60 cm und einer Spannweite von bis zu 125 cm der größte Kauz Mitteleuropas. Er bevorzugt ältere Mischwälder mit Buchen, durchsetzt mit freien Flächen (Waldwiesen, Kahlflächen, Sturmwurfflächen), um besser nach seiner Hauptbeute, den Mäusen, suchen zu können. In mäusearmen Zeiten jagt er auch kleinere Vögel, Amphibien und größere Insekten. Er brütet in großen Baumhöhlen, auf abgebrochenen höheren Baumstümpfen, aber auch in verlassenen Greifvogelhorsten. Sehr gerne nimmt er auch künstliche Nisthilfen an.
Erster Luchs im Solling ausgewildert
Seit dem Start des Wiederansiedelungsprojektes für den Luchs im Harz im Jahr 2000 wurden bisher 11 Luchse im Harz wieder ausgewildert, die sich vorrübergehend in der Wildtier- und Artenschutzstation in Sachsenhagen in Pflege befanden. Neu ist, dass eine aufgepäppelte Waisenluchsin nicht wieder unmittelbar an den Einfangort im Harz zurückgebracht wurde. Um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu steigern, fiel die Wahl für die Auswilderung auf den Solling, in dem seit 2013 regelmäßig Luchse nachgewiesen werden. Das Tier ist im Solling, anders als im Harz, weniger dem Konkurrenzdruck durch Artgenossen ausgesetzt und sollte hier noch genügend Platz für ein eigenes Revier finden. In einem offenen Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern der lokalen Forst- und Jagdwirtschaft sowie des Naturschutzes stieß das gemeinsame Vorhaben der Nationalparkverwaltung Harz, des Niedersächsischen Landwirtschafts- sowie Umweltministeriums auf Zuspruch.

Der Naturpark Solling-Vogler mit 52.000 Hektar fast durchgehend bewaldeter Fläche bietet viel Platz für ein Luchsrevier.
Der aus dem Solling stammende niedersächsische Umweltminister Meyer ließ es sich nicht nehmen, den Luchs selbst in die freie Wildbahn zu entlassen. Die Waisenluchsin war als Jungtier Anfang des Jahres im Landkreis Goslar in eine Kastenfalle geraten. Nachdem die Luchsin in den vergangenen Monaten in der Luchsanlage der Wildtierstation in Sachsenhagen bei Hannover versorgt worden war, wurde sie im Juli wieder in die Freiheit entlassen. Bei der anschließenden Pressekonferenz erläutert Minister Meyer: „Die bisherigen Wiederauswilderungen von Waisenluchsen im Harz sind sehr wichtig gewesen. Der nächste entscheidende Schritt ist nun, die Luchsvorkommen in Deutschland zu verbinden und den Austausch zwischen ihnen zu ermöglichen, damit die genetische Vielfalt und so die Art langfristig erhalten bleiben. Diese erste gezielte Wiederauswilderung ist ein wichtiger Meilenstein innerhalb des Luchsmanagements in Niedersachsen“.
In diesem Jahr konnten bereits zwei Waisenluchse aus dem Harz und ein Waisenluchs aus Bayern die in der Wildtierstation in Pflege waren wieder in die Natur entlassen werden. Über die Besenderung der Luchse erhalten wir immer wieder Rückmeldungen zum Aufenthalt und Verhalten unserer ehemaligen Pfleglinge. Besonders erfreulich ist es natürlich, dass auch schon mehrfach ehemalige Pfleglinge in der Natur wieder Junge geboren und aufgezogen haben. Die Mitarbeiter der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen freuen sich so zum Erhalt des Luchses in Deutschland beitragen zu können.
Fischadler erhält neue Federn
Der am 22.09.2023 aus dem Landkreis Göttingen aufgenommene Fischadler konnte mit neuen Schwung- und Stoßfedern wieder in die Freiheit entlassen werden. Nachdem der seltene Greifvogel in körperlich gutem Zustand, aber mit abgebrochenen Schwung- und Stoßfedern aufgenommen wurde, konnte er so nicht direkt wieder ausgewildert werden. Als Fischfänger und Zugvogel sind Fischadler auf einen einwandfreien Gefiederzustand angewiesen. Glücklicherweise gelang es, einen toten Fischadler als Spender für neue Federn zu finden, und in stundenlanger Feinarbeit wurden neue Federn präpariert und die abgebrochenen Federn ersetzt. Anhand eines Ringes der schwedischen Vogelwarte kann nachvollzogen werden, dass der Fischadler aus Schweden stammt und sich auf dem Durchzug befand.
Fischadler aus Nordeuropa überwintern überwiegend in Afrika südlich der Sahelzone. Das Team der Wildtierstation hofft nun, dass der Fischadler noch rechtzeitig den Zug in den Süden fortsetzen kann und wünscht ihm eine gute Reise!



