left 
Spezialfall Südamerikaner
reload
arrow_down

Spezialfall Südamerikaner

Was Chinchilla, Degu und Meerschweinchen krank werden lässt

Weißer Chinchilla. Foto: Pixabay
Was haben diese drei Tierarten gemeinsam? Richtig, sie alle kommen aus den bergigen Regionen Südamerikas. Die Vegetation hier ist nicht gerade üppig. Gräser und Kräuter wachsen vereinzelt zwischen den Felsen. Den lieben langen Tag müssen die süßen Nagetiere die spröden Halme suchen und ausgiebig mümmeln, um überhaupt satt zu werden.
Ein Bericht von Dr. Tina Hölscher,
Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.

Ihr ganzer Verdauungstrakt ist darauf ausgerichtet, diese ballaststoffreiche Kost zu verarbeiten und genügend Energie aus ihr zu ziehen, um das tägliche Leben bestreiten zu können. Doch es funktioniert prächtig. Allerdings wachsen dafür auch die Zähne unserer Protagonisten lebenslang, weil sie täglich stark beansprucht werden. Nur durch beständiges Nachwachsen wird die starke Abnutzung ausgeglichen. Da es nie wirklich viel Grünzeug auf einmal gibt, wird der Magen dieser Spezies hingegen nicht allzu sehr beansprucht. Er muss mit keinen Gärprozessen zurechtkommen, die Frischfutter in ihm auslösen würden. Auch die Bauchspeicheldrüse hat nicht viel zu tun. Sie wäre für Fette und Kohlenhydrate zuständig, doch die kommen nur zu einem geringen Prozentsatz in der natürlichen Nahrung vor. Auch um das Krallenwachstum muss man sich bei freilebenden Tieren keine Gedanken machen. So wie die Dinger nachwachsen, nutzen sie sich beim ständigen Buddeln der weitreichenden Gangsysteme ab. Die Familienmitglieder wollen schließlich sicher und dennoch ihrer Rangordnung gemäß im Tunnelsystem unter der Erde untergebracht sein. Da muss schon ziemlich fleißig gegraben werden.

Ein Leben ohne Buddelarbeiten …

UND JETZT teleportieren wir die ganze Sippschaft im übertragenen Sinne im Geiste nach Deutschland. Dort erwartet die possierlichen Tierchen ein optimal organisierter Haushalt. Sie werden mit allem gefüttert was das Herz begehrt. Karotte, Äpfel und Co. gibt es im Überfluss. Zusätzlich bekommen die lieben Kleinen womöglich noch Kraftfutter und außerdem Joghurtdrops on top als Leckerli. Untergebracht werden die putzigen Wesen in schmucken Behausungen, die der begabteste Handwerker der Familie in liebevoller Kleinarbeit gefertigt oder zumindest online gekauft und aufgebaut hat. Die Verbeiner können und dürfen nicht mehr buddeln, muss ja auch nicht sein. Vorgefertigte Behausungen zieren ihr neues Heim, Höhlensysteme braucht es hier nicht mehr.

Degus sind gesellige Gruppentiere. Foto: Pixabay
Auch Meerschweinchen leben in Gruppen. Foto: Viola/Pixabay

Die Zähne werden nicht mehr so gebraucht …

KANN DAS GUT GEHEN?

Die Zähne wachsen lang und länger. Die Tiere sind vom gehaltvollen Futter schnell satt. Wegen mangelnder Abnutzung pieken die Zahnspitzen bald in die Backen. Die so entstandenen Löcher entzünden sich. Abszesse sind die Folge. Das Tier stellt das Fressen ein. Mangelnde Bewegung sorgt dafür, dass die Krallen nicht mehr abgeraspelt werden. Auch sie wachsen ins Uferlose und reißen ein oder gleich ganz ab. Die Hornzapfen entzünden sich. Falsche Ernährung und Mangel an Bewegung sorgen für Übergewicht. Die Kleinen werden dick. Ballengeschwüre entstehen an der Fußsohle. Der Magendarmtrakt ist mit den zugeführten Fetten und Kohlenhydraten überfordert. Es entwickeln sich Aufgasungen und Zuckererkrankungen. Zu guter Letzt geht es zum Tierarzt. Leider kann der je nach Schweregrad und Dauer der Erkrankung nicht immer helfen.

Fazit

Chinchillas, Degus und Meerschweinchen sind robuste Tiere, die mit kargen Bedingungen gut zurechtkommen. Sie brauchen sogar diese kargen Lebensumstände. Ihr ganzer Organismus ist darauf ausgerichtet mit wenig Luxus klar zu kommen. Sie mögen niedrige Umgebungstemperaturen und ballaststoffreiche sowie kalorienarme Kost, so wie wir Menschen im Gegensatz dazu unsere Kleider und unsere Wohnungen brauchen. Wenn es uns gelingt, die Lebensumstände der Südamerikaner zu imitieren und sie nicht maßlos zu verwöhnen, haben wir gesunde Tiere. Aber auch nur dann.