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Wem nützen Tierwohl-Siegel?
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Wem nützen Tierwohl-Siegel?

Artgerechte Tierhaltung ohne Garantie

Dieser Betrieb nimmt an der „Initiative Tierwohl“ teil, dennoch haben die Tiere keinen Auslauf. Bild: Jan Peifer
Seit Jahren gibt eine große Mehrheit befragter Verbraucher an, Tierwohl sei ihnen wichtig – besonders beim Kauf von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch und Eiern. Gleichzeitig stammen noch immer mehr als 95% aller dieser Produkte in unseren Supermärkten aus tierquälerischer Massentierhaltung. Obwohl der Fleischkonsum leicht sinkt, ist die immense Nachfrage nicht anders zu befriedigen. Dennoch lässt sich ein gesellschaftlicher Wandel längst nicht mehr aufhalten: Noch nie war das Angebot veganer und vegetarischer Produkte so groß wie heute. Selbst traditionelle Fleischfabrikanten wollen von dem Boom profitieren und bieten neben Fleisch und Wurstwaren eine Vielzahl pflanzlicher Alternativen an.
Ein Bericht von Jan Peifer

Im vergangenen Jahr verdiente der Lebensmittelproduzent Rügenwalder Mühle erstmals mehr mit diesen Produkten als mit “echtem” Fleisch. Dennoch werden auch in der Fleischindustrie weiterhin riesige Umsätze erzielt, im vergangenen Jahr erwirtschafteten die erfassten Betriebe in Deutschland mehr als 40 Milliarden Euro (immerhin knapp 9% weniger als im Jahr 2020, wie das statistische Bundesamt mitteilt). Um auf diesem gigantischen Markt einerseits Kunden Orientierung zu bieten, andererseits um den Absatz zu sichern, tauchen auf den Verpackungen von Fleisch und Wurst immer mehr Tierwohl-Label auf.

Zuletzt kündigte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir an, schon ab dem kommenden Jahr ein verbindliches Tierwohlsiegel einzuführen.

Die Kennzeichnung ist zunächst für Schweinefleisch geplant, Rindfleisch und Geflügel sollen folgen. Mit einem ähnlichen Projekt war Özdemirs Amtsvorgängerin gescheitert. Das von Julia Klöckner angestrebte TierwohlLabel sollte auf Freiwilligkeit beruhen, doch im Bundestag bekam ihr Vorhaben keine ausreichende Zustimmung. Ohne verpflichtende Nutzung fehlte die Aussagekraft; freiwillige Siegel und Kennzeichnungen gibt es bereits zuhauf. Zu den bekanntesten zählt die Initiative Tierwohl, die auf einem Bündnis aus Fleischwirtschaft und Einzelhandel beruht. Die Anforderungen an Haltungsbedingungen für sogenannte Nutztiere liegen hier für teilnehmende Landwirte nur minimal über den gesetzlichen Mindeststandards und damit weit unter den Anforderungen anderer Siegel.

Auch in Tierwohl-Ställen sind Spaltenböden nicht ausgeschlossen. Bild: Jan Peifer
Auch in Tierwohl-Ställen sind Spaltenböden nicht ausgeschlossen. Bild: Jan Peifer
Schweine leiden. Bild: Jan Peifer
Schweine leiden. Bild: Jan Peifer

Um die höheren Kosten auszugleichen, erhalten Teilnehmer einen kleinen Teil aus dem Umsatz des Einzelhandels zurück. Einen wirklichen Mehrwert hat die Initiative Tierwohl aber weder für die Tiere noch für die Verbraucher. Die geplante verpflichtende Haltungskennzeichnung soll aussagekräftiger sein und soll in fünf Stufen erfolgen. Die geringste Stufe entspricht den gesetzlichen Mindestbestimmungen, die höchste Stufe den Anforderungen des Biosiegels. Allerdings kritisieren Tier- und Verbraucherschützer schon jetzt, dass die Auszeichnung über die Gesundheitsfürsorge schweigt. Wie etwa das in der Schweinemast übliche Kastrieren von Ferkeln, das Kupieren von Schnäbeln bei Geflügel oder Vorgaben zum Einsatz von Medikamenten geregelt werden sollen, ist unbekannt.

Insgesamt sind hier die Anforderungen an Platz für die Tiere, an Futter und Gesundheitsüberwachung deutlich höher als es die gesetzlichen Mindestanforderungen festlegen. Allerdings können auch diese Siegel keine “artgerechte” Haltung garantieren, denn ein Leben in Gefangenschaft ist niemals artgerecht. Und auch das mit dem Biosiegel ausgezeichnete Fleisch stammt aus den gleichen Schlachthöfen, in denen alle Tiere ihr Leben lassen müssen. Darüber hinaus kommt es immer wieder dazu, dass die strengen Auflagen nicht erfüllt werden, wie Tierschutzaktivisten regelmäßig dokumentieren. Die sicherste (und einfachste) Möglichkeit, kein Tierleid zu unterstützen, ist der Umstieg auf pflanzliche Alternativen. Noch vor wenigen Jahren mussten Verbraucher vor allem in kleineren Städten oder ländlichen Gegenden lange danach suchen, doch mittlerweile finden sie sich in jedem Supermarkt und auch bei allen großen Onlinehändlern, sind damit überall verfügbar und aufgrund des großen Angebotes auch für jeden erschwinglich.

Die 10 wichtigsten Tierschutz-Siegel

EU-Bio-Siegel

Das Siegel ist eines der bekanntesten Siegel und wird in der gesamten EU genutzt. Dennoch sind einige Kriterien als schwach zu bezeichnen, vor allem in Bezug auf den Tierschutz. So steht nach der Bio-Verordnung einem Mastschwein 1,5 qm Platz zur Verfügung (mit Auslauf). Zudem muss ein Produkt nur einen Bio-Anteil von 95 % haben, um das Siegel tragen zu dürfen. Für viele ist das unzureichend.

Deutsches Bio-Siegel

Das deutsche Bio-Siegel wurde vor einigen Jahren von dem EU-Bio-Siegel abgelöst. Eigentlich sollte die deutsche Variante nicht mehr genutzt werden, aufgrund der Bekanntheit verwenden einige Hersteller es aber weiterhin. Es gibt auch Produzenten, die sowohl das EU- also auch das deutsche BioSiegel auf einem Produkt nutzen. Dies bewerten Verbraucherschutzorganisationen als Irreführung und Verbrauchertäuschung.

QS

QS steht für Qualität und Sicherheit. Dabei handelt es sich strenggenommen nicht um ein Siegel, sondern um ein Prüfzeichen. Vor allem Tierrechtsorganisationen kritisieren QS, denn die versprochenen Kontrollen finden nicht oft genug statt. So wird in vielen Fällen auf eigene Kontrollen durch den Landwirt selbst gesetzt. Immerhin liegen die Vorgaben in einigen Bereichen (etwas) über dem gesetzlichen Standard.

Initiative Tierwohl

Bei der Initiative Tierwohl (ITW) handelt es sich um einen Zusammenschluss der Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und des Lebensmitteleinzelhandels. Bisher ist das Siegel primär im Schweinebereich zu finden. Hier müssen Landwirte den Tieren u.a. 10 % mehr Platz zur Verfügung stellen (einem Mastschwein steht laut Gesetzt 0,85 qm zur Verfügung, 10 % mehr bedeuten 0,94 qm pro Schwein). Den Mehraufwand wird den Landwirten monetär vergütet. Kritiker sehen in dem Siegel keine Verbesserung für die Tiere.

Neuland

Das Siegel gibt ein Verein heraus, der sich die artgerechte Haltung von Tieren auf die Fahnen geschrieben hat. So stehen den Tieren Stroh, Auslauf und Tageslicht zur Verfügung. Trotz der guten Vorsätze stand das Siegel in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik, u.a. weil Schweine vor einigen Jahren noch bei Tönnies geschlachtet wurden oder (in einem Fall) konventionell gehaltene Hühner mit dem Neuland-Siegel verkauft wurden.

natur & respect

Das Siegel ist derzeit primär auf Geflügelprodukten zu finden. Den Tieren steht die Hälfte ihres Lebens ein Freilandauslauf zu Verfügung. Auch im Vergleich zu gesetzlichen Vorgaben haben die Tiere mehr Platz und Stroh. Allerdings sind klare Haltungsvorgaben für die Tiere nicht transparent auf der Website einsehbar.

Haltungsformen-Siegel (1-4)

Derzeit ist dieses Siegel auf vielen Fleischprodukten im Supermarkt zu finden. Wobei Stufe 1 die gesetzliche Vorschrift abbildet und Stufe 4 mit der Bio-Haltung vergleichbar ist. Verschiedene Supermärkte haben angekündigt, ab 2030 nur noch Frischfleisch aus Stufe 3 und 4 anzubieten. Man darf gespannt sein, ob dies tatsächlich passiert. Es wäre ein kleiner Fortschritt in Sachen Tierschutz.

Veganblume

Das Vegan Trademark, auch Veganblume genannt, wird von der britischen Vegan Society vergeben. Es war eines der ersten Vegan Siegel überhaupt und wurde 1990 ins Leben gerufen. Tausende Produkte tragen das Label. Es wird geprüft, ob in den Lebensmitteln tierische Produkte wie Milch, Eier oder Honig enthalten sind. Allerdings erfolgt die Kontrolle primär basierend auf Unterlagen, die die Firmen einreichen.

V-Label

Das V-Label gibt es für vegetarische und vegane Produkte. Über 10.000 Produkte tragen das Gütezeichen bereits, was es zu einem der bekanntesten in Deutschland macht. Wie auch bei der Veganblume werden Produkte auf tierische Inhaltsstoffe hin geprüft. Neben Lebensmitteln werden zunehmend auch Restaurants mit dem V-Label ausgezeichnet. Allerdings schützt das Siegel nicht vor Missbrauch, und so wurde kürzlich bekannt, dass Burger King Fleischprodukte mit dem V-Label verkauft hat. Die V-Label GmbH (Herausgeber) hat schnell reagiert und Burger King das V-Label vorerst entzogen.

KAT

Das Label ist auf Eiern aus Boden-, Freiland- und Biohaltung zu finden. Alle Eier, die im Supermarkt verkauft werden, müssen das KAT-Label tragen. Dabei sind die Tierschutzvorgaben ähnlich wie die gesetzlichen. Großer Pluspunkt ist aber, dass anhand des Eierstempels über die KAT-Website der Haltungsbetrieb, teilweise sogar mit Fotos der Tierhaltung, angezeigt werden kann. Kritiker werfen dem Label allerdings vor, dass eine „heile Welt“ suggeriert wird, die es in der Form nicht gibt.