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Massentierhaltung in Deutschland
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Massentierhaltung in Deutschland

Artbedingte Bedürfnisse werden ignoriert

Foto: Jan Peifer
Wer an Massentierhaltung denkt, hat wohl vor allem die zahlreichen von Tierschützern aufgedeckten Skandale im Kopf. Dazu gehören v.a. Videos, die heimlich gedreht wurden, die den Umgang mit Tieren in deutschen Mastbetrieben oder Schlachthöfen zeigen. Massentierhaltung ist für viele das Symbol schlechthin für Tierquälerei. Und dennoch ist die industrielle Massentierhaltung in Deutschland noch immer gang und gäbe. Auch wenn der Fleischkonsum leicht gesunken ist, liegt er pro Jahr noch immer bei rund 55kg pro Kopf. Der Fleischverbrauch, also einschließlich der Herstellung von Tierfutter, industrieller Verwertung und Verluste, summierte sich 2021 auf über 80kg pro Kopf und Jahr.
Ein Bericht von Jan Peifer

Die hierfür benötigten Mengen von Tieren könnten ohne Massentierhaltung schlicht nicht gezüchtet und gehalten werden. Auch wenn der Anteil von Menschen, die auf eine pflanzliche Ernährungs- und Lebensweise setzen, immer größer wird, ist Fleisch jeden Tag rund um die Uhr und überall verfügbar. Für viele Verbraucher ist es völlig normal, zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen Fleisch zu essen. Hinzu kommen der Snack an der Tankstelle, der Dönerbude oder dem Hähnchengrillwagen. Die Massentierhaltung funktioniert, weil sie die individuellen und artbedingten Bedürfnisse der Tiere ignoriert. Die Tiere werden den Haltungsbedingungen und den Wünschen der Mäster angepasst, nicht umgekehrt.

Heutzutage müssen z.B. Hochleistungsmilchkühe mit mehr als 8000 Liter Milch pro Tier und Jahr mehr als doppelt so viel Milch geben wie noch vor 25 Jahren.

Rinder, Schweine und Truthähne müssen immer größer werden, damit sie mehr Fleisch liefern. Das alles geschieht, obwohl das deutsche Tierschutzgesetz und die EU-Richtlinien die strengsten Tierschutzstandards der Welt vorschreiben. Wenn man das Tierschutzgesetz wörtlich nimmt und auch nach seinem Inhalt auslegt dürfte, würde es die Massentierhaltung in ihrer heutigen Form nicht geben. Denn laut Gesetz darf keinem Tier ohne vernünftigen Grund, Leid oder gar der Tod zugefügt werden. Kein Tier darf verstümmelt werden, ihm der Schnabel, der Ringelschwanz oder die Hörner abgeschnitten werden, nur um dem stressbedingten Kannibalismus in der Enge der Mastställe vorzubeugen. Es dürfte in der Schweinezucht keine Kastenstände und in Milchkuhställen keine Anbindehaltung geben, um die Tiere zu fixieren.

Der Präsident des Bauernverbandes zog diesen Missstand vor einigen Jahren auf der Grünen Woche in Berlin allem Hohn zum Trotz vollends ins Lächerliche, als er wörtlich behauptete: „Es gibt keine Massentierhaltung in Deutschland, allenfalls große Ställe mit Wellnessbereichen“. Mit Behauptungen wie diesen legitimiert die Agrarlobby sich selbst. Aufgedeckte Skandale in Mastbetrieben oder dokumentierte Fälle von Tierquälerei in Schlachthöfen seien immer nur Einzelfälle, also „schwarze Schafe“. Oder die Bilder und Videos seien von Tierschutzaktivisten manipuliert. Lobbyisten lassen sich von teuren Anwaltskanzleien vertreten und versuchen, Tierrechtler mit solchen Vorhaltungen mundtot zu machen. Umso wichtiger ist daher für Aktivisten und Tierschutzvereine die Öffentlichkeit.

Auch das gehört zur Massentierhaltung: Tiere versterben und werden dann wie Müll entsorgt. Foto: Jan Peifer
Noch immer werden Millionen Kaninchen in Deutschland im Käfig gehalten. Foto: Jan Peifer

Eine besonders laute Stimme bekommen Tierschutzvereine und Aktivisten seit vielen Jahren von Schauspieler Hannes Jaenicke.

Nicht nur durch seine zahlreichen Filme, sondern vor allem auch für seine Dokumentationen ist Jaenicke bekannt geworden. In Zusammenarbeit mit dem ZDF konnte er damit bereits auf viele Probleme aufmerksam machen. So war er unter anderem mit seiner Dokureihe „Im Einsatz“ für Orang-Utans, Delfine, den Lachs oder den Wolf unterwegs. Sein jüngstes Projekt ist das Buch „Die große Sauerei: wie Agrarlobby und Lebensmittelindustrie uns belügen und betrügen“.

Es ist eine schonungslose Abrechnung mit der Industrie und ihren Vertretern. Außerdem versucht das Buch, Verbraucher auf die Möglichkeiten und die Wichtigkeit hinzuweisen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Wie zu erwarten, wurde Jaenicke mit einem „Shitstorm“ überzogen, der ganz offensichtlich von der Gegenseite gesteuert wurde. Der Schauspieler und Aktivist ist es gewohnt, für seine Aufdeckungen auch kritisiert zu werden. Daher wundert es nicht, dass sein Buch vor allem mit negativen Online-Rezensionen bewertet wurde. Diese Rezensionen stammen wie üblich fast alle von Menschen, die sich von einer SocialMedia-Kampagne der Agrar-Lobbyisten haben mitreißen lassen, die das Buch aber alle nicht gelesen haben.

Jaenicke selbst wünscht sich eine offene Diskussion zu den von ihm angesprochenen Themen, doch wird bei einer so abwehrenden Haltung eine solche wohl nie zustande kommen können. Damit wird noch einmal ein ganz grundlegendes Problem deutlich: Agrarlobbyisten und die Lebensmittelindustrie setzen voraus, dass an der vorherrschenden Situation nichts falsch ist. Jaenicke jedoch geht es wie vielen anderen Tierschützern, Umweltaktivisten und vielen weiteren kritischen Menschen aber darum, genau diese Ausgangslage in Frage zu stellen. Die einzig richtige Antwort darauf kann nur lauten: Wir brauchen keine Massentierhaltung. aktion tier nutzte die Gelegenheit und führte mit Hannes Jaenicke ein Interview zum Thema.